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Dienstag, 19. März 2013

"Unsere Religion ist Privatsache"

Von 
Es gibt keine organisierte Kette von Wohngruppen, sagt Vereinsvorsitzender Eyüp Besir. Foto: Arnold

Eyüp Besir ist Vorsitzender des Forums für Interkulturellen Dialog (FID) in Frankfurt, der zur konservativen islamischen Gülen-Bewegung gehört. Im Interview spricht Besir über fromme Studenten-WGs, falsche Ängste türkischer Eltern und die Freiheit, zu leben wie man will.

Herr Besir, warum verstecken Gülen nahe Gruppen so viel von sich vor der Öffentlichkeit?

Das behaupten Sie, ich kann das so nicht bestätigen. Ich bin als Vorsitzender des Forums für Interkulturellen Dialog (FID) in sehr vielen öffentlichen Veranstaltungen, ich gebe Interviews.
Viele der Gülen-Bewegung nahestehende Bildungs- und Nachhilfevereine, wie in Frankfurt das Avicenna-Institut, geben auf ihrer Homepage keinerlei Hinweis auf einen islamischen Hintergrund und eine Nähe zur Gülen-Bewegung. Der Avicenna-Vorsitzende sagt aber sehr wohl, dass er Gülen nahestehe. Warum legt der Verein den Zusammenhang nicht offen?
Ich kann nicht für das Avicenna-Institut sprechen. Ich möchte aber kurz etwas erläutern. Was Sie als Gülen-Bewegung bezeichnen, nennen wir selbst „Hizmet“, Dienst an der Gesellschaft. Die Hizmet-Bewegung ist ein loses Netzwerk von Menschen, die ihre gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen und sich engagieren, etwa durch Bildung oder Dialog. Die Offenlegung der religiösen Hintergründe spielt bei der Projektarbeit keine Rolle.

Das gilt auch für Bildungsvereine, die Nachhilfe oder Integrationskurse geben?

Richtig.

Welche Gülen-Ideen sind für Sie die wichtigsten?

Das sind die universellen Werte wie Fethullah Gülen sie vertritt: Freiheiten, demokratische Rechte und Werte, Gleichstellung von Mann und Frau, Akzeptanz des anderen in seiner Eigenart, Achtung vor dem Rechtsstaat und dem Gesetz.

Den Islam haben Sie jetzt nicht genannt.

Nicht alle Menschen in der Bewegung sind Muslime, nicht alle Muslime bei Hizmet sind von Gülen inspiriert. Dieses lose Netzwerk ist momentan sehr heterogen.

Wie ist es für Sie und den Verein FID?

Für mich ist die Religion wichtig. Ich hab die Schriften von Gülen Mitte der 90er zu Beginn meiner Studienzeit gelesen, darüber bin ich erst auf meine soziale Verantwortung aufmerksam geworden: nicht nur für mich und meine Familie, sondern auch für die Gesellschaft. Danach habe ich dann angefangen zu studieren. Die Vereinbarkeit von Islam und Demokratie war für mich sehr wichtig.

Sie kennen Fethullah Gülen persönlich. Sind Sie regelmäßig bei ihm in den USA?

Nein. Ich war ein paar Mal bei ihm zu Besuch.

Er ist, sagen Sie, der Ideengeber für den FID. Gibt er Anweisungen?

Fethullah Gülen ist Ehrenvorsitzender des FID Frankfurt. Unser Gründungsvorsitzender Abdullah Aymaz war vor Jahrzehnten selbst Schüler von Gülen in der Türkei. Ich kannte Gülen nur durch seine Schriften und durch Personen wie Aymaz. Falls es notwendig ist, können wir ihn um Rat fragen. Er ist eine Respektsperson für uns, aber er gibt keine Anweisungen.

Sie gelten, neben Ercan Karakoyun aus Berlin, als führende Figur im deutschen Gülen-Netzwerk.

Das würde ich so nicht sagen. Ich bin der Vorsitzende von FID Frankfurt und Karakoyun der von FID Berlin, darüber hinaus haben wir keine weitere Funktion.

Ihr Verein FID hat in Bockenheim dieselbe Adresse wie das Avicenna-Institut. Arbeiten Sie zusammen?

Wir sind im selben Haus. Es gibt natürlich persönliche Kontakte. Es gibt auch gemeinsame Projekte.

Nach unseren Recherchen standen Personen aus dem Avicenna-Institut im Hintergrund bei der Anmietung einer Wohnung in Griesheim für eine Wohngemeinschaft muslimischer Studentinnen. Warum spricht Avicenna nicht offen darüber?

Das müssen Sie Avicenna fragen. Von dieser Wohngemeinschaft habe ich erstmals durch Ihre Berichterstattung erfahren.

Allgemeiner gefragt: Uns liegen Berichte mehrerer junger Leute vor, die in solchen Bildungsvereinen gejobbt oder als Studenten Anwerbeversuche erlebt haben von Anhängern Fethullah Gülens. Sie berichten uns übereinstimmend, dass durch die Hintertür eine religiöse Agenda auftauchte: Kinder hätten nach der Mathe-Nachhilfe noch einen religiösen Film angucken müssen, nach Einladungen zum Essen lagen Gülen-Schriften auf dem Tisch. Schadet das nicht dem Ansehen der Hizmet-Bewegung?

Ich kenne diese Fälle nicht. Aber innerhalb der Ideen Gülens ist die Religionsfreiheit ein wichtiger Wert. Deshalb kann jeder selbst entscheiden, wie er denkt, lebt und glaubt.

Sprechen wir über „Lichthäuser“. Wie viele dieser Wohngruppen kennen Sie in Frankfurt?

Gülen hat das Wort „Lichthaus“ nur in den 60ern mal verwendet bei der Auslegung eines Koranverses. Er und vor ihm Said Nursi (islamischer Gelehrter, d. Red.) sagen, dass der größte Feind einer Gesellschaft Unwissenheit ist. Sie müsse überall bekämpft werden, auch zu Hause, in der Wohnung. Die wird so zur Stätte gemeinsamen Lernens, gegenseitiger Aufklärung. Den Namen „Lichthaus“ für hiesige Wohngruppen haben andere eingeführt.

Gemeint sind Wohngruppen, wo eine Unterweisung in der Gülen-Lehre stattfinden und ein strenger Tagesablauf herrschen soll. Gibt es so etwas in Frankfurt?

Es gibt keine organisierte Kette von Lichthäusern. Es gibt aber Studenten, die die Ideen Gülens wertschätzen und gemeinsame WGs aufbauen, wie andere Studenten auch. Wie viele Studenten so wohnen, weiß ich nicht. Aber in einer Stadt wie Frankfurt mit sehr vielen Fakultäten und vielen türkischstämmigen muslimischen Studenten ist es möglich, dass sie sich so zusammentun.

In diesen Wohngruppen finden Sohbets statt, regelmäßige religiöse Unterweisungsstunden…
Diese Übersetzung ist irreführend. Sohbet heißt einfach Gespräch, Austausch. In diesem Sinn ist auch dieses Interview ein Sohbet. Von religiöser Unterweisung kann keine Rede sein.

Mir fällt auf, dass Sie immer dann relativieren, wenn wir auf religiöse Bezüge bei Hizmet-Aktivitäten zu sprechen kommen. Warum?

Für mich als Deutschen ist Religion Privatsache. Deshalb sollte man auch Studenten oder Vereinsmitglieder nicht dafür kritisieren, dass sie ihre religiöse Sichtweise privat halten.

Aussteiger aus den Wohngruppen berichten, dass das Leben dort stark kontrolliert wird, ein autoritärer Umgang herrscht, die Freiheit der Bewohner eingeschränkt ist – etwa, dass keine Handys benutzt werden durften. Wäre es nicht in Ihrem Interesse, offensiver öffentlich zu machen: Wir sind einfach nur religiös, wir tun nichts Schlimmes?

Wie gesagt: Zu den Ideen Gülens gehört das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit. Wenn Entrechtungen von Menschen in Wohngruppen stattfinden sollten, müssen diese öffentlich werden und, wenn nötig, von der Justiz geahndet werden. Dazu müssen diese Personen offen hervortreten. Sie sollen öffentlich sagen, da und da passiert das, dann kann man das überprüfen.
"Pauschale Bewertung ist nicht akzeptabel"

Wir haben auch Aussagen von Eltern, die ihre Töchter bewusst in Gülen nahe Bildungsvereine schicken. Denn dort würden die Mädchen so erzogen, „dass sie nicht so werden wie deutsche Mädchen“. Was ist so schlimm an deutschen Mädchen?

Nichts. Ich bin deutscher Staatsbürger, ich bin hier heimisch. Meine Eltern sind türkischstämmige Gastarbeiter, die in den 70er Jahren herkamen. Ich habe nur einen Pass, den deutschen, meine Kinder auch. Ich akzeptiere diese meine Gesellschaft mit allen, die zu ihr gehören, den deutschen Jungs und Mädchen, den nichtdeutschen. Eine pauschale Bewertung einer Ethnie als gut oder schlecht ist nicht akzeptabel.

Die Elternäußerung ist aber kein Einzelfall. Immer klingt mit: „Die Welt da draußen ist schlecht, in der Hizmet ist sie gut.“ Passt das zu Ihrem Anspruch, für Integration, Demokratie und Multikulturalität zu arbeiten?

Nein, das passt nicht. Wir als FID machen demnächst zum Beispiel eine Ausstellung in Wiesbaden in Zusammenarbeit mit der dortigen jüdischen Gemeinde. Die Ausstellung zeigt das 500-jährige jüdische Leben zur osmanischen Zeit. Wir wollen zeigen, dass es ein gelungenes Zusammenleben in der Vergangenheit gab und dass das auch heute möglich ist. Wir arbeiten auch mit der katholischen Akademie in Frankfurt zusammen, mit der ökumenischen Kontaktstelle der evangelischen Kirche, mit den Fakultäten.

Ärgert es Sie da nicht, wenn andere Institutionen, die sich auch zur Hizmet zählen, in einer anderen Richtung arbeiten?

Die Frage ist, ob es das so gibt.

Offenbar, wie die Elternäußerungen zeigen.

Wer diese Gesellschaft in Gut und Schlecht einteilt, ist hier nicht angekommen. Aber ich kenne die Leute nicht, ich weiß nicht, ob sie überhaupt Gülen lesen.

Kritiker bemängeln auch, dass die in Gülen-Wohngruppen praktizierte Geschlechtertrennung nicht zeitgemäß sei. Wie ist Ihre Haltung dazu?

Wer im privaten Raum aus religiöser Überzeugung in Geschlechtertrennung leben will, hat das Recht dazu, das gilt nicht nur für Muslime, auch für Christen. Es gibt ja auch Privatschulen, die reine Knaben- oder Mädchenschulen sind. Aber strikte Geschlechtertrennung in allen Lebensbereichen ist nicht richtig.

Quelle: Frankfurter Rundschau





Dienstag, 12. Februar 2013

Ungenutzte Potentiale der „Menschen mit Migrationshintergrund“- Notwendigkeit von Diversitymaßnahmen

Alev Dudek Ungenutzte Potentiale der „Menschen mit Migrationshintergrund“  Notwendigkeit von Diversitymaßnahmen In Deutschland wird hochwertiges Potenzial verschwendet. Anstatt Wege zu finden, das Potential das vorhanden ist, auszuschöpfen, beklagt man sich über angebliche „Mängel“.
Das Potenzial, das oft ungenützt bleibt, gehört, unter anderem, den „Menschen mit Migrationshintergrund“. Sie besitzen oft hochkarätige kognitive Fähigkeiten, die sie durch das Ausgesetzsein zu unterschiedliche Kulturen, Herangehensweisen und Sprachen entwickelt haben. Sie haben wissenschaftliche, technische und künstlerische Vorteile, die unbeachtet bleiben. Sie machen einen enormen Anteil vom Talent in Deutschland aus.
Sie können sich in unterschiedliche Perspektiven hineinversetzen und vereinen oft das „Beste“ aus mehreren Kulturen in sich. Viele „Menschen mit Migrationshintergrund“ sind starke Persönlichkeiten mit wichtigen Erfahrungen und Erkenntnissen. Sie haben trotz Stereotypisierung, Vorurteile, Diskriminierung, Klassenunterschiede und fehlende Rollenmodelle, ein respektables Leben für sich aufgebaut. Ihre Potenziale haben sie aber selten ausleben können. Durch den tiefverwurzelten Wunsch zur Assimilation und dem Ethnozentrismus in Deutschland bleiben ihre Talente oft nicht nur ungenützt, sondern werden sogar oft aktiv unterdrückt. Ungenutzte Potenziale sind nicht nur in gesellschaftlicher Hinsicht ein Problem, sondern auch auf menschlicher Ebene.
Was macht man eigentlich mit so viel Potenzial? Wie setzt man es ein?
In Deutschland brauchen wir eine kulturelle Öffnung für Diversity, unter der Motto: „anders ist gut“. Anstatt zu erwarten, dass Menschen sich anpassen, sollten sie ermutigt werden, mehr sie selbst, eben „anders“ zu sein. Denn dann kommen Potenziale zum Vorschein, die sonst nicht sichtbar geworden wären. Durch diese Art von Förderung von Diversität gewinnt nicht nur das Individuum, sondern auch die Gesellschaft dazu.
Neben der Ermutigung anders zu sein, sind Maßnahmen zur aktiven Diversity-Etablierung ein wichtiger nächster Schritt zur Ausschöpfung von Potenzialen. In diesem Zusammenhang, haben viele Organisationen in Deutschland die Signifikanz von Diversity Management erkannt und investieren in Bemühungen in dieser Richtung.
Diversity Management nur für Frauen?
Es gibt aber leider eine alarmierende Konfusion darüber, wie Diversitywertschöpfung stattfinden soll. Laut einer Studie von Roland Berger Strategy Consultants, „fokussieren 80% der befragten Firmen ausschließlich auf Frauenförderung“. Frauenförderung ist natürlich ein Schlüsselelement von Diversity Management, aber Diversity Management darf auf keinen Fall auf einen einzigen Aspekt von Diversity begrenzt werden. Zumindest nicht, wenn sie effektiv sein soll und wenn man eine Organisation damit vorwärts bringen will.
Viele Firmen beschränken ihre Diversitybemühungen auf die Etablierung von Gender-Diversity, weil ethnische Diversity angeblich ein „kontroverses“ Thema sein soll. Es ist die Aufgabe der Diversity Experten, Klarifikation in dieser Hinsicht zu schaffen; dass ohne ethnische Diversity kein effektives Diversity Management per se, stattfinden kann.
Diversity Management – nicht verstanden?
Es ist verständlich, dass für viele Firmen in Deutschland Diversity Management ein neues „Gebiet“ ist, in dem sich die „regulären Mitarbeiter“ nicht sehr gut auskennen. Deshalb rekrutieren sie Diversity Experten und müssen sich auf diese Experten verlassen. Wenn Diversity Experten aber ethnische Diversity nicht ansprechen, weil es zu „kontrovers“ ist, dann findet in der jeweiligen Firma kein effektives Diversity Management statt. Die Verlierer sind in diesem Fall die Firmen, die Gelder für solche Arten von Diversity Management ausgeben.
Die Realität ist, dass ethnische Diversität ein Umdenken erfordert und mehr Arbeit bedeutet. Nicht alle Diversity Experten haben die Qualifikationen, um ein Umdenken in dieser Hinsicht zu gestalten. Viele wollen sich die Arbeit auch nicht machen, solange sie von dem Verkauf ihrer limitierten Diversity Management Strategien leben können.
Zum Schluss soll noch einmal betont werden, dass es an Potential und Talent in Deutschland nicht fehlt. Was fehlt, ist eine grundsätzliche Kultur von Wertschätzung für Unterschiede.
Natürlich haben wir eine Wahl: Wir können entweder weiterhin so verfahren wie wir es „schon immer gemacht haben“, oder uns für Veränderungen öffnen und Wege finden, aus der immensen Diversität, die wir in Deutschland haben, Wert zu schöpfen.
Unabhängig davon, wie und wann wir uns entscheiden, sind Arbeitgeber in anderen Ländern aktiv damit beschäftigt, Top-Talente für sich zu gewinnen; auch die, die zurzeit unter uns leben.
Vielfältige Teams effektiver?
Je gebildeter und talentierter die Personen sind, die rekrutiert werden sollen, desto höher sind ihre Diversity-Ansprüche. Diesen Personen genügt es nicht, dass man ausschließlich ihre Talente zu schätzen weiß. Denn solche Menschen ziehen es verständlicherweise vor, in diversen Teams zu arbeiten. Sie wissen, dass vielfältige Teams am kreativsten und deshalb zu Höchstleistungen fähig sind. Für deutsche Firmen bedeutet, dass sie ihre Teams neu strukturieren und Diversity so gut wie möglich über die ganze Organisation verteilen müssen.
Wenn deutsche Arbeitgeber die „Besten“ für sich gewinnen und behalten wollen, müssen sie Diversität in Zukunft sehr ernst nehmen. Ratsam wäre, in dieser Hinsicht, zuerst das Potential was sich in Deutschland befindet, kreativ auszuschöpfen.

Text: Alev Dudek.

Samstag, 26. Januar 2013

Der nackte Zwang

Feminismus und Kopftuchdebatte

 

Von wegen Befreiung: Warum Highheels noch lange kein Zeichen für Emanzipation sind und das Kopftuch nicht unbedingt die Unterdrückung der Frau bedeutet.  

 
Von Ingrid Thurner
Die einen sind fast nackt, die anderen fast gänzlich bedeckt. Aber nur der verhüllte Körper erhitzt die Gemüter und die Debatten, der unbekleidete ist uns keine öffentliche Erregung wert.



Schleier statt Minirock: In der Wüste von Abu Dhabi beugen sich selbst die angeblich so emanzipierten Damen aus Sex and the City den Landessitten. Auf ihrem ureigenen Terrain New York gehören sie eher zu einer Spezies, die sich mit Vorliebe halbnackt zeigt.

(Foto: Verleih)
Als die muslimische Frau in der Öffentlichkeit sichtbar wurde, verwandelte sie sich in ein Problem. Sichtbar ist sie erst, seit sie begonnen hat, ihren Körper zu verstecken und damit selbstbewusst aufzutreten. Das tut sie nun seit einigen Jahren. Vorher verursachte sie keine Aufregung, keine Schlagzeilen und kein Engagement.

Dabei erschwert ihr diese Aufmachung Leben und Alltag beträchtlich. In den Arbeitsämtern gelten Kopftuchträgerinnen als schwer vermittelbar. In der U-Bahn und im Park sind sie Anfeindungen ausgesetzt, im Kino und im Supermarkt erklären ihnen wildfremde Personen, diese Kleidung sei unpraktisch, gar unhygienisch. Gleichzeitig hält man sie für dumm. Man redet in ihrer Gegenwart über sie, als ob sie nicht da wären und als ob sie nicht verstünden, was man über sie sagt. Wollen sie also eine Arbeit finden oder auch nur in Ruhe gelassen werden, tun sie gut daran, ihre Körperinszenierung den ortsüblichen Gepflogenheiten anzupassen. Dann gelten sie als gut integriert. Genau genommen unterliegen Musliminnen hierzulande dem Zwang, das Kopftuch nicht zu tragen.


Die paternalistische Befreiung

Alle möglichen gesellschaftlichen Gruppen sind angetreten, in paternalistischer Manier muslimische Frauen aus ihrer Unterdrückung und ihrer Verhüllung freizukämpfen: Rechtspopulistische Politiker, Boulevardblätter, Feministinnen, Sozialdemokratinnen, erzkonservative Katholiken, Ex-Muslime. Es eint sie der Glaube, Musliminnen seien unterjocht von ihrer Religion und von ihren Männern. Sie sind sich auch darin einig, die Kopfbedeckung nicht deswegen abzulehnen, weil sie ein religiöses Symbol sei. Die weibliche Verhüllung wird vorgeblich verdammt, weil sie ein Instrument der Unterdrückung der Frau sei.
Fast wäre man versucht, den Umkehrschluss zu ziehen und weibliche Nacktheit als Symbol weiblicher Freiheit zu deuten. Aber welchen Zwängen unterwerfen sich nicht konform-westlich denkende Frauen für den Auftritt in der Öffentlichkeit? Hohe Absätze, hautenge Jeans, frieren in der Kälte, ein Leben lang hungern, alles um den Körper vorzeigbar zu machen, dazu ständige Kontrolle, ob die Haarsträhnen richtig liegen, ob der Busen richtig steht, ob die Träger sitzen.
Aber der Muslimin, die Körper- und Haarpracht unter wallenden Gewändern verborgen hält, wird unterstellt, sie sei unfrei. Dass es immer mehr Musliminnen gibt, die öffentlich dazu stehen, dass sie ihr Kopftuch gern und freiwillig tragen und dies gar nicht so selten gegen den Willen von Vätern, Brüdern, Ehemännern, Söhnen, wird überhört.

Es lebe die Aufklärung

Wir sind so stolz auf die Aufklärung, und dem Islam wird vorgeworfen, dass er keinen Voltaire hervorgebracht habe. Doch wer die verhüllten Körper aus den öffentlichen Räumen verbannt sehen will, kann sich nicht auf die Aufklärung berufen. Säkularisierung bedeutet nun einmal die Autonomie des Individuums, das Recht der freien Entscheidung. Was die einen dem männlichen Blick vorenthalten, drängen die anderen ihm auf.
Da werden Leiber für die Öffentlichkeit entblößt, laufen nur mit ein paar Stoffstreifen herum, die die wesentlichen Körperteile weniger verhüllen als zur Schau stellen. Wichtig ist, dass die knappen Winzigkeiten klangvolle Erzeugernamen tragen und zu überhöhten Preisen erworben werden. Damit demonstrieren junge Frauen, wie frei und selbstbestimmt sie agieren. Keine Männer zwingen ihnen Kleidungsstücke auf. Das mag sein. Sie dürfen gerne halbnackt herumlaufen.

Da aber opulente Nacktheit allgegenwärtig ist, ist sie nicht mehr so recht beeindruckend, deswegen muss nachgeholfen werden. Und während Frauen damit beschäftigt sind, ihre Körper zu trimmen, auf Operationstische zu legen, Busen zu heben, Lippen zu verdicken, Fett abzusaugen, Vaginen zu stylen, Zähne zu weißeln, machen Männer Karriere und besetzen die wichtigen Positionen in Wirtschaft, Forschung, Bildung, Politik, von der katholischen Kirche nicht zu reden.
So sehr verschieden von islamischen Gegebenheiten ist das nicht. Führungspositionen, Vorstandsetagen und Lehrstühle besetzen vornehmlich Männer, und für die gleiche Arbeit erhalten Frauen weniger Lohn. Da hat ein halbes Jahrhundert Geschlechterkampf keine Gleichstellung erreicht, und "Gender Mainstreaming" ist nach wie vor ein unentbehrliches Wortungetüm.
Dieser ganze Islam- und Verhüllungsdiskurs zeigt: Die Muslimin wird dringend benötigt, nämlich zur Verhüllung des Dilemmas, dass in dieser aufgeklärten Zeit Frauen zwar beinahe nackt herumlaufen dürfen, aber sonst wie eh und je wenig zu entscheiden haben. Keine Verschleierung, keine Unterdrückung, nein, so ist das offensichtlich nicht.

Noch immer keine Gleichstellung

Dieselben feministischen Persönlichkeiten, die sich früher von links gegen patriarchale Strukturen stellten, verbeißen sich jetzt von rechts in den Islam und lenken davon ab, dass sie an Geschlechtergerechtigkeit nicht viel mehr erreicht haben als weibliche Fastnacktheit in fast allen öffentlichen Räumen und sprachlich unschöne Binnen-Is in diversen Diskursen und Druckwerken. Das funktioniert aber nur, wenn Musliminnen in Kopftüchern die Straßen und Parkanlagen bevölkern, und es funktioniert nur dann, wenn sie in die Kopftücher gezwungen werden.
Die Motive der Frauen und die Charaktere, die sie verhüllen, sind so verschieden wie die Persönlichkeiten, die sich von Spaghettiträgerchen präsentieren lassen. Aber als eine wesentliche Begründung für die Bedeckung geben Musliminnen immer wieder an, dass sie sich nicht über ihren Körper definieren lassen wollen. Es scheint in Vergessenheit geraten, dass dies auch einmal ein Anliegen westlichen Feminismus war. Kein Objekt der sexuellen Begierde mehr wollte frau sein.
Inzwischen heizen Hollywoods Schauspielerinnen und Europas C-Prominenz den Wettbewerb andersherum an: in der Erleichterung des Körpers von Textilem bei gleichzeitigem Exponieren strategisch wichtiger Körperteile. Aber dem Stoff-Minimalismus sind Grenzen gesetzt: Einem Nichts, das immer weniger wird, bis schließlich nichts mehr da ist, entspricht ein Reiz, der immer mehr wird, bis nur noch Reiz ist. Und dann ist keiner mehr gereizt, weder sexuell, noch moralisch.

Ingrid Thurner ist Ethnologin und Lehrbeauftragte am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien.

Quelle: SZ