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Donnerstag, 4. April 2013

Gülen über Frauen und die Stellung der Frauen innerhalb der Bewegung

 

„Die Hälfte der Menschheit, die der anderen erst Sinn gibt"

Fethullah Gülen hat sich stets umfangreiche Gedanken darüber gemacht, wie sich die Gleichberechtigung der Frau im Islam auch in den Reihen der von ihm inspirierten Freiwilligenbewegung besser abbilden könnte.
Viele Angehörige, aber auch kritische Beobachter der Gülen-Bewegung, kennen die Aussagen des Gelehrten zum Thema Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit der Frau. Er betonte immer wieder, dass Frauen jene Hälfte der Menschheit wären, die der anderen erst einen Sinn gäbe.1 Lässt sich aber nicht dennoch eine ausgeprägte Passivität der Frauen innerhalb der Gülen-Bewegung beobachten? Wenn für Gülen Frau und Mann zwei Hälften eines Ganzen sind, wieso sind dann Männer in dieser „Bewegung der Freiwilligen und Ehrenamtlichen", wie sich die von Gülen inspirierte Bewegung nennt, dennoch aktiver als Frauen? Sind für Gülen Mann und Frau überhaupt gleich?
Um dieser Frage nachzugehen, sollen hier Auszüge aus unterschiedlichen Interviews, der empirischen Studie Helen Rose Ebaughs und Textstellen aus Gülens Werken zusammengefasst werden.
So bemerkt Gülen etwa in einem Interview, das Thema „Frauenrechte" wäre sehr umfangreich. Es falle ihm schwer, sich hierzu im gegebenen Rahmen kurz zu fassen und diesen nicht zu sprengen. „Einerseits machen wir heutzutage keinen Unterschied mehr zwischen Mann und Frau. Andererseits gibt es sowohl physische als auch psychische Unterschiede zwischen ihnen",2 so der Gelehrte.

„Frau und Mann ergänzen sich"

Wenn es bei Gülen um Mann und Frau geht, geht er auch von einem bestimmten Wesen dieser aus: „Meiner Meinung nach sollten Männer und Frauen wie zwei Seiten einer Wahrheit, zwei Seiten einer Medaille sein. Frauen sind ohne Männer nichts, und Männer sind ohne Frauen nichts; zusammen wurden sie erschaffen. Aus diesem Grunde wurde Adam eine Gefährtin zur Seite gestellt. Mann und Frau ergänzen einander"3, sind Worte Gülens, die es deutlich außer Frage stellen, inwiefern überhaupt Mann und Frau als ungleich zu betrachten wären.
Ein hoher Stellenwert wird von ihm hingegen der Gleichberechtigung und der Gleichwertigkeit zwischen Frau und Mann zugemessen. Dabei beruft er sich auf den Koran: „Kein Mann kann ohne Frau und keine Frau kann ohne Mann existieren, sie wurden gemeinsam geschaffen."4 Gülen betont, dass „in den Köpfen vieler Menschen, unter anderem auch jener selbst ernannter Verteidiger von Frauenrechten und vieler Männer, die sich als Muslime bezeichnen, Frauen Menschen zweiter Klasse sind. Für uns ist die Frau Teil eines Ganzen – eine Hälfte, die der anderen Hälfte erst einen Sinn gibt."5
Gülen glaube laut eigener Aussage in seinem Werk „Muhammad: Der Gesandte Gottes", dass die wahre Einheit eines Menschen immer dann zutage trete, wenn diese beiden Hälften zusammenfänden. Solange diese Einheit nicht existiere, würden auch „die Menschheit, die Prophetenschaft, der Stand der Heiligen, ja selbst der Islam nicht existieren."6

„In den Grundprinzipien des Islam gibt es keinen Unterschied zwischen Frau und Mann"

Auf die Frage des Journalisten Rainer Hermann von der F.A.Z., ob für Gülen Mann und Frau gleich seien, antwortet Gülen, dass die Frau im gleichen Maße wie der Mann eine freie und eigenständige Persönlichkeit sei. „Ihre Weiblichkeit hebt keine der Qualifikationen auf, die sie besitzt, verengt sie auch nicht. Wenn eine ihrer Rechte berührt wird, kann sie, wie die Männer, ihre Rechte einfordern. Besitzt sie, was jemand anderes hält, kann sie es zurückholen. Muslime unterschiedlicher Völker hatten ihren historischen Erfahrungsschatz mit dem Kleid des Islam gekleidet, sie präsentierten ihre Gewohnheiten und Traditionen, als gehörten sie zu den Grundlagen der Religion. In dieser Richtung gab es auch einige theologische Gutachten, Idschtihads. So wurden die Rechte der Frau veräußert, von Tag zu Tag wurde sie in einen immer engeren Bereich gedrängt und sie wurde, ohne zu erfassen, worauf das Ganze hinausläuft, in einigen Gebieten sogar ganz aus dem Leben ausgeschlossen. Einen Unterschied der Frau zum Mann gibt es bei keinem der Themen, die die Grundprinzipien des Islam betreffen – etwa bei der Glaubens- und Meinungsfreiheit, den Besitz- und Verbraucherrechten, der Gleichheit vor dem Gesetz, dem Recht auf eine gerechte Behandlung vor dem Gesetz, dem Recht auf Heirat und der Gründung einer Familie, dem Recht auf Intimität und die Unantastbarkeit der Privatsphäre. Wie bei Männern stehen auch ihr Besitz, Leben und ihre Sexualität unter Schutz. Wer das verletzt, dem drohen schwere Strafen."7

„Frauen sind aus der Partizipation nicht wegzudenken!"

Was die Rollenzuschreibungen von Frau und Mann im Islam angeht, sieht Gülen keinen Grund, Frauen aus dem Engagement im sozialen Leben oder von der Teilhabe am politischen Leben wegzudenken: „In der sozialen Atmosphäre muslimischer Gesellschaften, die nicht von den Sitten unislamischer Traditionen ,verunreinigt' sind, nehmen die Frauen am alltäglichen Leben teil. In der Frühzeit des Islam beispielsweise führte Aischa, die Frau des Propheten, ein Heer an. Außerdem fungierte sie als religiöse Gelehrte, deren Ansichten jedermann akzeptierte. Frauen beteten in den Moscheen mit den Männern gemeinsam. Selbst eine alte Frau konnte dem Kalifen in der Moschee in einer Rechtsfrage widersprechen. Noch im Osmanischen Reich des 17. Jahrhunderts zollte die Frau eines britischen Botschafters den Frauen Anerkennung und rühmte voller Bewunderung ihre Bedeutung in Familie und Gesellschaft"8, teilt Gülen mit.
Helen Rose Ebaugh, Professorin für Religionssoziologie und Erforschung der Weltreligionen an der University in Houston, die eine empirische Studie über die Gülen-Bewegung schrieb, nahm ihre Vorwürfe, Frauen stünden in dieser Bewegung eher im Hintergrund9, zurück, nachdem sie zur Vorstellung ihrer empirischen Studie über die Gülen-Bewegung durch Deutschland gereist war10. Und das, obwohl sich Gülen selbst immer noch nicht zufrieden zeigt mit dem Grad der Repräsentanz von Frauen in Entscheidungspositionen innerhalb der Bewegung. Er ermuntert in seinem Interview mit Rainer Hermann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 6.12.2012 Frauen zu noch mehr Teilhabe am sozialen Leben. Gülen bedauert die mangelnde Partizipation der Frauen innerhalb der Bewegung: „Auch wenn wir diesbezüglich im Vergleich zu früher enorme Wege zurückgelegt haben, ist die Partizipation der Frauen in der Gesellschaft und in der Bewegung nicht dort, wo sie sein müsste. Sie hat das gewünschte Niveau nicht erreicht."11

„Die Rolle der Frau ist nicht auf das Häusliche beschränkt"

Allgemein sagt Gülen, dass „die Rolle der Frau nicht auf die Beschäftigung zu Hause und auf das Großziehen der Kinder beschränkt ist. Die Frau im Islam gehört zu den Themen, die im Westen negativ und am häufigsten behandelt werden. Der Grund ist, dass die Muslime Dinge praktizieren, die den Grundwerten des Islam widersprechen. Einiges, was negativ erscheint, muss man im Zusammenhang mit den Bedingungen der jeweiligen Epochen und Staaten bewerten. Zudem herrschen in einigen Regionen und Gesellschaften weiter Gewohnheiten und Traditionen, die es vor dem Islam gegeben hat und die weitergeführt werden. Das dem Islam anzurechnen, ist nicht richtig. Für die islamische Religion ist es aber niemals zulässig, die Rolle der Frau in der Gesellschaft und ihren Handlungsspielraum einzuschränken. Die Muslime missachten dies leider. Ein grobes Verständnis und ein plumpes Denken haben damit das System zerstört, welches auf der gegenseitigen Hilfe von Mann und Frau sowie auf dem gemeinsamen Teilen aufgebaut war. Mit dieser Zerstörung wurden auch der Familienfrieden und die gesellschaftliche Ordnung zerstört."12
Insgesamt bedauert es Gülen, dass Frauen „nur allzu oft als Objekte der Begierde, als Mittel zur Unterhaltung oder als Werbematerial missbraucht werden." 13Aber laut Gülen bergen selbst solche Phasen der Dunkelheit auch Aussichten auf Wendepunkte in sich, die den Frauen helfen würden, sich zu erneuern und ihr wahres Wesen zu erkennen: „Ähnlich den Tagen, die auf Nächte folgen"14 – so die den Frauen Hoffnung gebenden Worte Gülens.

Elif Soyer, Heidelberg

Quelle: GülenNews
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1- Gülen: The Messenger of God, Muhammad: An analysis of the Prophet's life. Übersetzung von Ali Ünal: Muhammad: Der Gesandte Gottes, New Jersey 2005, S. 162.
2- Ertugrul Özkök: Hocaefendi Speaks; übersetzt aus: Hürriyet, 23.-30.01.1995
http://www.dialog-berlin.de/Von-Fethullah-G%C3%BClen/guelen-ueber-frauen-und-frauenrechte-im-interview-fuer-huerriyet.html [Stand: 14.03.2013]
3- Ertugrul Özkök: Hocaefendi Speaks;
4- Vgl. Robert A. Hunt, Yüksel A. Aslandogan: Unsere Mitbürger. Muslime in der Postmoderne. Frankfurt am Main 2012. S.
5- Gülen: The Messenger of God, Muhammad. S. 162 und vgl. Hunt; Aslandogan: Mitbürger. S. 192f.
6- Vgl. Hunt; Aslandogan: Mitbürger. S.193.
7- Vgl. Rainer Hermann: Prediger Fethullah Gülen im F.A.Z.-Gespräch. „Islam und Moderne stehen nicht im Widerspruch". Reportage vom 06.Dezember 2012: http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/naher-osten/prediger-fethullah-guelen-im-f-a-z-gespraech-islam-und-moderne-stehen-nicht-im-widerspruch-11983556.html, [Stand: 31.März 2013]
8- Ertugrul Özkök: Hocaefendi Speaks
9- Vgl. Helen Rose Ebaugh: Die Gülen-Bewegung. Eine empirische Studie. Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2012, S. 217f.
10- Vgl. Elif Soyer: Lob an die Gülen-Bewegung, Mannheim, 31.März 2012. http://elifsoyer.blogspot.de/2012/03/berichtikus.html, [Stand 31.März 2013].
11- Vgl. Rainer Hermann: „Islam und Moderne stehen nicht im Widersprich".
12- Vgl. Rainer Hermann: Prediger Fethullah Gülen im F.A.Z.-Gespräch. „Islam und Moderne stehen nicht im Widersprich". Reportage vom 06.Dezember 2012.
13- Gülen: Perlen der Weisheit. Mörfelden-Walldorf. 2005. S. 71.
14- Gülen: Perlen der Weisheit. S. 71f.

Dienstag, 19. März 2013

"Unsere Religion ist Privatsache"

Von 
Es gibt keine organisierte Kette von Wohngruppen, sagt Vereinsvorsitzender Eyüp Besir. Foto: Arnold

Eyüp Besir ist Vorsitzender des Forums für Interkulturellen Dialog (FID) in Frankfurt, der zur konservativen islamischen Gülen-Bewegung gehört. Im Interview spricht Besir über fromme Studenten-WGs, falsche Ängste türkischer Eltern und die Freiheit, zu leben wie man will.

Herr Besir, warum verstecken Gülen nahe Gruppen so viel von sich vor der Öffentlichkeit?

Das behaupten Sie, ich kann das so nicht bestätigen. Ich bin als Vorsitzender des Forums für Interkulturellen Dialog (FID) in sehr vielen öffentlichen Veranstaltungen, ich gebe Interviews.
Viele der Gülen-Bewegung nahestehende Bildungs- und Nachhilfevereine, wie in Frankfurt das Avicenna-Institut, geben auf ihrer Homepage keinerlei Hinweis auf einen islamischen Hintergrund und eine Nähe zur Gülen-Bewegung. Der Avicenna-Vorsitzende sagt aber sehr wohl, dass er Gülen nahestehe. Warum legt der Verein den Zusammenhang nicht offen?
Ich kann nicht für das Avicenna-Institut sprechen. Ich möchte aber kurz etwas erläutern. Was Sie als Gülen-Bewegung bezeichnen, nennen wir selbst „Hizmet“, Dienst an der Gesellschaft. Die Hizmet-Bewegung ist ein loses Netzwerk von Menschen, die ihre gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen und sich engagieren, etwa durch Bildung oder Dialog. Die Offenlegung der religiösen Hintergründe spielt bei der Projektarbeit keine Rolle.

Das gilt auch für Bildungsvereine, die Nachhilfe oder Integrationskurse geben?

Richtig.

Welche Gülen-Ideen sind für Sie die wichtigsten?

Das sind die universellen Werte wie Fethullah Gülen sie vertritt: Freiheiten, demokratische Rechte und Werte, Gleichstellung von Mann und Frau, Akzeptanz des anderen in seiner Eigenart, Achtung vor dem Rechtsstaat und dem Gesetz.

Den Islam haben Sie jetzt nicht genannt.

Nicht alle Menschen in der Bewegung sind Muslime, nicht alle Muslime bei Hizmet sind von Gülen inspiriert. Dieses lose Netzwerk ist momentan sehr heterogen.

Wie ist es für Sie und den Verein FID?

Für mich ist die Religion wichtig. Ich hab die Schriften von Gülen Mitte der 90er zu Beginn meiner Studienzeit gelesen, darüber bin ich erst auf meine soziale Verantwortung aufmerksam geworden: nicht nur für mich und meine Familie, sondern auch für die Gesellschaft. Danach habe ich dann angefangen zu studieren. Die Vereinbarkeit von Islam und Demokratie war für mich sehr wichtig.

Sie kennen Fethullah Gülen persönlich. Sind Sie regelmäßig bei ihm in den USA?

Nein. Ich war ein paar Mal bei ihm zu Besuch.

Er ist, sagen Sie, der Ideengeber für den FID. Gibt er Anweisungen?

Fethullah Gülen ist Ehrenvorsitzender des FID Frankfurt. Unser Gründungsvorsitzender Abdullah Aymaz war vor Jahrzehnten selbst Schüler von Gülen in der Türkei. Ich kannte Gülen nur durch seine Schriften und durch Personen wie Aymaz. Falls es notwendig ist, können wir ihn um Rat fragen. Er ist eine Respektsperson für uns, aber er gibt keine Anweisungen.

Sie gelten, neben Ercan Karakoyun aus Berlin, als führende Figur im deutschen Gülen-Netzwerk.

Das würde ich so nicht sagen. Ich bin der Vorsitzende von FID Frankfurt und Karakoyun der von FID Berlin, darüber hinaus haben wir keine weitere Funktion.

Ihr Verein FID hat in Bockenheim dieselbe Adresse wie das Avicenna-Institut. Arbeiten Sie zusammen?

Wir sind im selben Haus. Es gibt natürlich persönliche Kontakte. Es gibt auch gemeinsame Projekte.

Nach unseren Recherchen standen Personen aus dem Avicenna-Institut im Hintergrund bei der Anmietung einer Wohnung in Griesheim für eine Wohngemeinschaft muslimischer Studentinnen. Warum spricht Avicenna nicht offen darüber?

Das müssen Sie Avicenna fragen. Von dieser Wohngemeinschaft habe ich erstmals durch Ihre Berichterstattung erfahren.

Allgemeiner gefragt: Uns liegen Berichte mehrerer junger Leute vor, die in solchen Bildungsvereinen gejobbt oder als Studenten Anwerbeversuche erlebt haben von Anhängern Fethullah Gülens. Sie berichten uns übereinstimmend, dass durch die Hintertür eine religiöse Agenda auftauchte: Kinder hätten nach der Mathe-Nachhilfe noch einen religiösen Film angucken müssen, nach Einladungen zum Essen lagen Gülen-Schriften auf dem Tisch. Schadet das nicht dem Ansehen der Hizmet-Bewegung?

Ich kenne diese Fälle nicht. Aber innerhalb der Ideen Gülens ist die Religionsfreiheit ein wichtiger Wert. Deshalb kann jeder selbst entscheiden, wie er denkt, lebt und glaubt.

Sprechen wir über „Lichthäuser“. Wie viele dieser Wohngruppen kennen Sie in Frankfurt?

Gülen hat das Wort „Lichthaus“ nur in den 60ern mal verwendet bei der Auslegung eines Koranverses. Er und vor ihm Said Nursi (islamischer Gelehrter, d. Red.) sagen, dass der größte Feind einer Gesellschaft Unwissenheit ist. Sie müsse überall bekämpft werden, auch zu Hause, in der Wohnung. Die wird so zur Stätte gemeinsamen Lernens, gegenseitiger Aufklärung. Den Namen „Lichthaus“ für hiesige Wohngruppen haben andere eingeführt.

Gemeint sind Wohngruppen, wo eine Unterweisung in der Gülen-Lehre stattfinden und ein strenger Tagesablauf herrschen soll. Gibt es so etwas in Frankfurt?

Es gibt keine organisierte Kette von Lichthäusern. Es gibt aber Studenten, die die Ideen Gülens wertschätzen und gemeinsame WGs aufbauen, wie andere Studenten auch. Wie viele Studenten so wohnen, weiß ich nicht. Aber in einer Stadt wie Frankfurt mit sehr vielen Fakultäten und vielen türkischstämmigen muslimischen Studenten ist es möglich, dass sie sich so zusammentun.

In diesen Wohngruppen finden Sohbets statt, regelmäßige religiöse Unterweisungsstunden…
Diese Übersetzung ist irreführend. Sohbet heißt einfach Gespräch, Austausch. In diesem Sinn ist auch dieses Interview ein Sohbet. Von religiöser Unterweisung kann keine Rede sein.

Mir fällt auf, dass Sie immer dann relativieren, wenn wir auf religiöse Bezüge bei Hizmet-Aktivitäten zu sprechen kommen. Warum?

Für mich als Deutschen ist Religion Privatsache. Deshalb sollte man auch Studenten oder Vereinsmitglieder nicht dafür kritisieren, dass sie ihre religiöse Sichtweise privat halten.

Aussteiger aus den Wohngruppen berichten, dass das Leben dort stark kontrolliert wird, ein autoritärer Umgang herrscht, die Freiheit der Bewohner eingeschränkt ist – etwa, dass keine Handys benutzt werden durften. Wäre es nicht in Ihrem Interesse, offensiver öffentlich zu machen: Wir sind einfach nur religiös, wir tun nichts Schlimmes?

Wie gesagt: Zu den Ideen Gülens gehört das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit. Wenn Entrechtungen von Menschen in Wohngruppen stattfinden sollten, müssen diese öffentlich werden und, wenn nötig, von der Justiz geahndet werden. Dazu müssen diese Personen offen hervortreten. Sie sollen öffentlich sagen, da und da passiert das, dann kann man das überprüfen.
"Pauschale Bewertung ist nicht akzeptabel"

Wir haben auch Aussagen von Eltern, die ihre Töchter bewusst in Gülen nahe Bildungsvereine schicken. Denn dort würden die Mädchen so erzogen, „dass sie nicht so werden wie deutsche Mädchen“. Was ist so schlimm an deutschen Mädchen?

Nichts. Ich bin deutscher Staatsbürger, ich bin hier heimisch. Meine Eltern sind türkischstämmige Gastarbeiter, die in den 70er Jahren herkamen. Ich habe nur einen Pass, den deutschen, meine Kinder auch. Ich akzeptiere diese meine Gesellschaft mit allen, die zu ihr gehören, den deutschen Jungs und Mädchen, den nichtdeutschen. Eine pauschale Bewertung einer Ethnie als gut oder schlecht ist nicht akzeptabel.

Die Elternäußerung ist aber kein Einzelfall. Immer klingt mit: „Die Welt da draußen ist schlecht, in der Hizmet ist sie gut.“ Passt das zu Ihrem Anspruch, für Integration, Demokratie und Multikulturalität zu arbeiten?

Nein, das passt nicht. Wir als FID machen demnächst zum Beispiel eine Ausstellung in Wiesbaden in Zusammenarbeit mit der dortigen jüdischen Gemeinde. Die Ausstellung zeigt das 500-jährige jüdische Leben zur osmanischen Zeit. Wir wollen zeigen, dass es ein gelungenes Zusammenleben in der Vergangenheit gab und dass das auch heute möglich ist. Wir arbeiten auch mit der katholischen Akademie in Frankfurt zusammen, mit der ökumenischen Kontaktstelle der evangelischen Kirche, mit den Fakultäten.

Ärgert es Sie da nicht, wenn andere Institutionen, die sich auch zur Hizmet zählen, in einer anderen Richtung arbeiten?

Die Frage ist, ob es das so gibt.

Offenbar, wie die Elternäußerungen zeigen.

Wer diese Gesellschaft in Gut und Schlecht einteilt, ist hier nicht angekommen. Aber ich kenne die Leute nicht, ich weiß nicht, ob sie überhaupt Gülen lesen.

Kritiker bemängeln auch, dass die in Gülen-Wohngruppen praktizierte Geschlechtertrennung nicht zeitgemäß sei. Wie ist Ihre Haltung dazu?

Wer im privaten Raum aus religiöser Überzeugung in Geschlechtertrennung leben will, hat das Recht dazu, das gilt nicht nur für Muslime, auch für Christen. Es gibt ja auch Privatschulen, die reine Knaben- oder Mädchenschulen sind. Aber strikte Geschlechtertrennung in allen Lebensbereichen ist nicht richtig.

Quelle: Frankfurter Rundschau





Dienstag, 12. Februar 2013

Ungenutzte Potentiale der „Menschen mit Migrationshintergrund“- Notwendigkeit von Diversitymaßnahmen

Alev Dudek Ungenutzte Potentiale der „Menschen mit Migrationshintergrund“  Notwendigkeit von Diversitymaßnahmen In Deutschland wird hochwertiges Potenzial verschwendet. Anstatt Wege zu finden, das Potential das vorhanden ist, auszuschöpfen, beklagt man sich über angebliche „Mängel“.
Das Potenzial, das oft ungenützt bleibt, gehört, unter anderem, den „Menschen mit Migrationshintergrund“. Sie besitzen oft hochkarätige kognitive Fähigkeiten, die sie durch das Ausgesetzsein zu unterschiedliche Kulturen, Herangehensweisen und Sprachen entwickelt haben. Sie haben wissenschaftliche, technische und künstlerische Vorteile, die unbeachtet bleiben. Sie machen einen enormen Anteil vom Talent in Deutschland aus.
Sie können sich in unterschiedliche Perspektiven hineinversetzen und vereinen oft das „Beste“ aus mehreren Kulturen in sich. Viele „Menschen mit Migrationshintergrund“ sind starke Persönlichkeiten mit wichtigen Erfahrungen und Erkenntnissen. Sie haben trotz Stereotypisierung, Vorurteile, Diskriminierung, Klassenunterschiede und fehlende Rollenmodelle, ein respektables Leben für sich aufgebaut. Ihre Potenziale haben sie aber selten ausleben können. Durch den tiefverwurzelten Wunsch zur Assimilation und dem Ethnozentrismus in Deutschland bleiben ihre Talente oft nicht nur ungenützt, sondern werden sogar oft aktiv unterdrückt. Ungenutzte Potenziale sind nicht nur in gesellschaftlicher Hinsicht ein Problem, sondern auch auf menschlicher Ebene.
Was macht man eigentlich mit so viel Potenzial? Wie setzt man es ein?
In Deutschland brauchen wir eine kulturelle Öffnung für Diversity, unter der Motto: „anders ist gut“. Anstatt zu erwarten, dass Menschen sich anpassen, sollten sie ermutigt werden, mehr sie selbst, eben „anders“ zu sein. Denn dann kommen Potenziale zum Vorschein, die sonst nicht sichtbar geworden wären. Durch diese Art von Förderung von Diversität gewinnt nicht nur das Individuum, sondern auch die Gesellschaft dazu.
Neben der Ermutigung anders zu sein, sind Maßnahmen zur aktiven Diversity-Etablierung ein wichtiger nächster Schritt zur Ausschöpfung von Potenzialen. In diesem Zusammenhang, haben viele Organisationen in Deutschland die Signifikanz von Diversity Management erkannt und investieren in Bemühungen in dieser Richtung.
Diversity Management nur für Frauen?
Es gibt aber leider eine alarmierende Konfusion darüber, wie Diversitywertschöpfung stattfinden soll. Laut einer Studie von Roland Berger Strategy Consultants, „fokussieren 80% der befragten Firmen ausschließlich auf Frauenförderung“. Frauenförderung ist natürlich ein Schlüsselelement von Diversity Management, aber Diversity Management darf auf keinen Fall auf einen einzigen Aspekt von Diversity begrenzt werden. Zumindest nicht, wenn sie effektiv sein soll und wenn man eine Organisation damit vorwärts bringen will.
Viele Firmen beschränken ihre Diversitybemühungen auf die Etablierung von Gender-Diversity, weil ethnische Diversity angeblich ein „kontroverses“ Thema sein soll. Es ist die Aufgabe der Diversity Experten, Klarifikation in dieser Hinsicht zu schaffen; dass ohne ethnische Diversity kein effektives Diversity Management per se, stattfinden kann.
Diversity Management – nicht verstanden?
Es ist verständlich, dass für viele Firmen in Deutschland Diversity Management ein neues „Gebiet“ ist, in dem sich die „regulären Mitarbeiter“ nicht sehr gut auskennen. Deshalb rekrutieren sie Diversity Experten und müssen sich auf diese Experten verlassen. Wenn Diversity Experten aber ethnische Diversity nicht ansprechen, weil es zu „kontrovers“ ist, dann findet in der jeweiligen Firma kein effektives Diversity Management statt. Die Verlierer sind in diesem Fall die Firmen, die Gelder für solche Arten von Diversity Management ausgeben.
Die Realität ist, dass ethnische Diversität ein Umdenken erfordert und mehr Arbeit bedeutet. Nicht alle Diversity Experten haben die Qualifikationen, um ein Umdenken in dieser Hinsicht zu gestalten. Viele wollen sich die Arbeit auch nicht machen, solange sie von dem Verkauf ihrer limitierten Diversity Management Strategien leben können.
Zum Schluss soll noch einmal betont werden, dass es an Potential und Talent in Deutschland nicht fehlt. Was fehlt, ist eine grundsätzliche Kultur von Wertschätzung für Unterschiede.
Natürlich haben wir eine Wahl: Wir können entweder weiterhin so verfahren wie wir es „schon immer gemacht haben“, oder uns für Veränderungen öffnen und Wege finden, aus der immensen Diversität, die wir in Deutschland haben, Wert zu schöpfen.
Unabhängig davon, wie und wann wir uns entscheiden, sind Arbeitgeber in anderen Ländern aktiv damit beschäftigt, Top-Talente für sich zu gewinnen; auch die, die zurzeit unter uns leben.
Vielfältige Teams effektiver?
Je gebildeter und talentierter die Personen sind, die rekrutiert werden sollen, desto höher sind ihre Diversity-Ansprüche. Diesen Personen genügt es nicht, dass man ausschließlich ihre Talente zu schätzen weiß. Denn solche Menschen ziehen es verständlicherweise vor, in diversen Teams zu arbeiten. Sie wissen, dass vielfältige Teams am kreativsten und deshalb zu Höchstleistungen fähig sind. Für deutsche Firmen bedeutet, dass sie ihre Teams neu strukturieren und Diversity so gut wie möglich über die ganze Organisation verteilen müssen.
Wenn deutsche Arbeitgeber die „Besten“ für sich gewinnen und behalten wollen, müssen sie Diversität in Zukunft sehr ernst nehmen. Ratsam wäre, in dieser Hinsicht, zuerst das Potential was sich in Deutschland befindet, kreativ auszuschöpfen.

Text: Alev Dudek.