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Samstag, 28. Juli 2012

Die Rolle der Musik im Interkulturellen Dialog - II

 

1.3 Begegnung mit Musik im Wandel der Zeit


Im Zeitalter von Globalisierung und multikultureller Gesellschaft spiegeln sich die Prozesse der Abgrenzung, der Begegnung, des Austausches, der Vermischung und der Zerschmelzung ohnehin schon heterogener Kulturen auch in der Musik wieder. Funktionen, Möglichkeiten und Stile der Musik sind heute noch vielfältiger den je, obschon durch die Dominanz einer globalen Kultur viele traditionelle und lokale Musikkulturen vom Aussterben bedroht sind. Musikproduktion und Rezeption unterliegt weltweit einem radikalen Wandel. Da auch die Rolle und Funktion der Musik im interkulturellen Dialog genauso davon betroffen ist wie sie ihn widerspiegelt und auf ihn reagiert, scheint es gut, sich der aktuellen Tendenzen und Prozesse zu vergewissern.
Viele tausend Jahre lang war live gespielte oder gesungene Musik fest im Alltagsleben der Menschen verwurzelt; darüber hinaus spielte die selbst erzeugte Musik bei Arbeit, Feiern, Kulten und Heilritualen eine wichtige Rolle. Heute ist die live aufgeführte Musik weitgehend von einer technisch übermittelten Übertragungsmusik abgelöst, die beliebig austauschbar und prinzipiell überall im Alltag konsumierbar ist bzw. konsumiert werden muss. Ein Weg der fremdbestimmten Dauerberieselung zu entkommen ist die bewusste, selbst bestimmte Entscheidung ein bestimmtes Musikstück zu hören oder zu spielen.27 Das aktive Musizieren ist in allen modernen Gesellschaften auf dem Rückzug, wenn nicht gar ganz aus dem alltäglichen Leben verschwunden. Live Musik wird vor allen Dingen noch im Rahmen von Bildungsstätten und Konzerten kultiviert und konserviert, wobei gegenüber der künstlerischen Funktion zahlreiche andere Funktionen der Musik im Bereich der Heilung, des Kultes, des Sozialwesen etc. mehr und mehr verloren gehen. Immer schon brachten kultureller Austausch, Reisen und Migration Menschen in Kontakt mit anderen Kulturen und deren Musik. Immer schon führten dieser Kontakt, sowie künstlerische Innovation zu Veränderungen in der Musik, welche neben der Bereicherung durch das Neue auch musikalisches Fremdeln bei den Zuhörern auslösten. Im 20.Jahrhundert waren es allerdings zwei sehr verschiedenartige Prozesse, welche den Wandel und die Fremdheit musikalischer Gestaltung stark beschleunigten. Zum einem sind es die Konzepte und das Verständnis der modernen Kunst, welches zu einem radikalen Wandel musikalischer Gestaltung führte, zum anderen ist es die Technisierung musikalischer Aufzeichnung und Produktion. So entstehen spätestens ab den 60iger Jahren des 20. Jahrhunderts als Massenphänomen viele neue Musikstile, aber auch Möglichkeiten der Aufzeichnung und Veröffentlichung bisher auf der Welt verborgener anderer, traditioneller und alter Musikkulturen.
Der musikalische Ausdruck der Fremden interessierte und faszinierte in der Zeit 60/70 Jahre vor allen Dingen die jugendliche Subkultur der Hippies. Aber auch Musiker und Musikethnologen sammelten in dieser Zeit viel Material traditioneller und lokaler Musikkulturen. Schon in den 70iger Jahren entstanden noch in der Hippiebewegung die ersten interkulturellen Musikprojekte wie etwa Ginger Bakers Airforce und Embryos Reise. Dieses Interesse an Weltmusik wurde in den 80 Jahren des 20.Jhr. so groß, dass z.B. auf der Ebene der Avantgarde Festivals des New Jazz immer auch Weltmusik integriert wurde. Tanz- und Vermarktbarkeit führte auch zum Boom der Weltmusik im Bereich des Mainstream populärer Musik der Discos und Charts. Gleichzeitig dokumentierten Radioreporter und Musikethnologen das kulturelle musikalische Erbe der Menschheitsgeschichte bevor es in den nächsten Jahrzehnten mehr und mehr verschwinden sollte. Auch die Arbeit im interkulturellen Dialog profitierte von diesem Interesse an Weltmusik. Hatten die Migranten ausgeschlossen von der Öffentlichkeit zunächst nur aus Pflege und Ausdruck der eigenen kulturellen Identität musiziert, öffneten sich dieser Zeit die Kulturen mehr als früher einer breiteren deutschen Öffentlichkeit und fanden nun auch mehr Akzeptanz für ihre musikalische Kultur.
In den 90iger Jahren entwickelten sich durch die künstlerische Arbeit der musikalischen Avantgarde, sowie durch intensive Vermischung populärer Stile im Bereich des Mainstream Fusionen die zwar verschiedene Musikstile in der Fusion erfolgreich integrierten, die aber immer weniger Bezug zu ihrer soziokulturellen Herkunft aufwiesen. Auf der musikalischen Ebene spiegelt das eine Auflösung kultureller Identitäten, welche nur zum Teil als erfolgreiche interkulturelle Kompetenz und neue interkulturelle Identität angesehen werden kann und auch Züge von Assimilation trägt, in welcher traditionelle geographische Musik-Identitäten durch den Mainstream einer globalen Pop und Musikkultur aufgesogen werden.
In einem Interview der Sende Reihe: „Neugier genügt“ (WDR 5/Februar 2005) bringt ein indonesischer Gamelan Spieler, welcher in einer indonesischen Metropole lebt, die Situation traditioneller lokaler Musikkulturen prägnant und authentisch auf den Punkt: „Immer schon haben sich die traditionellen Spielstiele des Gamelan und der Puppenspiele durch gesellschaftlichen Wandel verändert. Heute aber ist der gesellschaftliche Wandel so schnell, dass es nicht mehr möglich ist, mit der Quelle der Tradition in Kontakt zu bleiben. Der gesellschaftliche Druck zur Veränderung ist so stark, dass es nicht mehr zum Ausdruck kommt, wenn Ausdruck nicht mehr möglich ist, kommt es zur Explosion“ .

 

2. Die Thesen des Deutschen Musikrates

 

Unter dem Schlagwort „Kulturelle Identitäten stärken - interkulturellen Dialog ermöglichen“ formuliert der deutsche Musikrat im Jahre 2005 seine Basisthese: „Die Wahrnehmung unterschiedlicher Identitäten kann nur durch eine Position des „sich selbst bewusst seins“ gelingen - denn wer das eigene nicht kennt, kann das Andere nicht erkennen geschweige denn schätzen lernen.“ Stärkung der kulturellen Identität ermöglicht einen gleichberechtigten und selbstbewussten Dialog auf Augenhöhe, welcher eine Grundbedingung für einen gleichberechtigten und gelingenden Dialog / Kommunikation ist. Musik ist dabei sicherlich ein Medium der Identitätsbildung, mit dem es möglich ist, sich auf die eigene Kultur und ihre Werte rückzubesinnen und hervorragend dazu geeignet, sich selbst und kulturelle Werte in seiner Ganzheit und Sinnhaftigkeit mitzuteilen und zugleich in ihrer Andersartigkeit erfahrbar werden zu lassen.
Diese Basisthese und die Reflexion der Neugier und Offenheit jedes neugeborenen Kindes als Chance und Verantwortung, diese Selbstbewusstsein im Sinne einer breit angelegten und qualifizierten musikalischen Bildung anzulegen, führt zu praxisnahen Forderungen für musikalische Bildung, Musikpädagogik, Politik und Gemeinwesen und Präsentation von Musik in der Gesellschaft. So fordert der deutsche Musikrat:
Jedes Kind muss unabhängig seiner sozialen und ethnischen Herkunft, die Chance auf ein qualifiziertes und breit angelegtes Angebot musikalischer Bildung erhalten, dass die Musik anderer Ethnien einschließt.
Musikalische Ausbildung und interkulturelle Kompetenz für Erzieher/innen
Schule muss als Ort kultureller Identitätsbildung und interkultureller Begegnung auch Musikunterricht durchgängig und interkulturell gestalten.
Das Laienmusizieren muss als Fundament kultureller Identitätsbildung und Plattform interkultureller Dialoge gestärkt und ausgebaut werden
Die Verbände und Organisationen der Zivilgesellschaft müssen sich ihrer Verantwortung für den interkulturellen Dialog bewusst werden. Der deutsche Musikrat wird eine Task-Force einsetzen, die musikpolitische Arbeit und seine Projekte im Hinblick auf interkulturellen Kompetenzzuwachs evaluieren wird.
Bildungseinrichtungen für Musik sollen ihre Angebote auf den Ausbau möglicher Handlungsfelder zur Beförderung des interkulturellen Dialogs überprüfen. Dabei geht es nicht um mediale Befriedigung eventartiger Kurzschlüsse, die im Sinne einer Nachhaltigkeit eher kontraproduktiv wirken, aber leider in den Förderpraxen von der öffentlichen Hand und privaten Geldgebern gerne gesehen sind.
Die Medien müssen ihrer Multiplikatorenrolle für Bildung, Kultur und interkulturellen Dialog viel intensiver gerecht werden.
Die auswärtige Kulturpolitik muss zentraler Mittler für interkulturellen Dialog sein. Es bedarf vor allen Dingen Förderung von Begegnungsprogrammen, dies sowohl für Laienmusiker, wie für professionelle junge Musiker/innen.


3. Skizzenblock der Musik im Interkulturellen Dialog

 

3.1 Musik ist mehr oder die Reduktion der Musik auf Kunst

 

Die Thesen des deutschen Musikrates sind Ergebnis konkreter Erfahrungen des interkulturellen Dialogs und musikpädagogischer Praxis, dabei reagieren sie exakt auf bestehende Mängel und formulieren wünschenswerte Änderungen. Deutlich wird auch, dass nicht nur alte traditionelle Musikstile anderer Kulturen vom Aussterben und Wegfall der Sinnkontexte betroffen sind, sondern auch die deutsche Volksmusik, die klassische Musik des Abendlandes oder die moderne ernste Musik um ihren Nachwuchs fürchten, da diese Musikstile nicht mehr im Lebensalltag der Menschen integriert sind, sondern in der Kunst nun aussterbenden Spezialisten und Profimusikern überlassen wurden. So sieht der deutsche Musikrat im Ausbau des Laienmusizierens, in der Förderung auswärtiger Kulturpolitik und in Begegnungsprogrammen für junge Musiker auch eine Chance ausgebildeten alten wie jungen Musikern eine gesellschaftliche Aufgabe und Finanzierung zuzuweisen.
Sicherlich ist die konzertante Musik als anerkannte Kunstform und Kulturgut auch geeignet, als Botschafter eine Kultur nach außen zu vertreten und zu repräsentieren. Der musikalische Vortrag ist aber naturgemäß kein Dialog, sondern ein Monolog mit starkem Sendebewusstsein. Dem Zuhörer bleibt dabei die aktive Rezeptivität. Traditionelle Musik (Musik jenseits modernen Kunstverständnisses) oder Musik überhaupt ins Rampenlicht der Bühne zu rücken heißt sie außerhalb ihrer sozial-historischen Sinnkontextes oder Lebenspraxis zu stellen/bzw. zu erleben. Aus unserer Sicht ist dies eine folgenschwere Reduzierung der Musik auf eine Kunstform. In traditionellen Kulturen ist Musik eingebettet in einen Sinnkontext und eine Lebenspraxis. Nur wenn dieser erfahrbar wird besteht, die Möglichkeit, Musik als Ausdruck einer anderen Kultur und des sozio-historischen Wirkgefüges nachzuvollziehen. Spricht man mit Menschen, Musikern und Organisatoren des interkulturellen Dialogs wird Musik oft als Brücke zwischen den Kulturen angesehen. Zugrunde liegt dabei eine Sicht die aufgrund von Vorsprachlichkeit, Emotionalität und interpretatorischer Offenheit des musikalischen Ausdrucks, Musik als von allen Menschen verstehbar ansieht. Prinzipiell kann Musik diese Dimension auch erreichen, es ist aber ebenso möglich, dass in ihr dieselben Projektionen, Missverständnisse und Vorurteile zum tragen kommen wie insgesamt. Ob es dem Zuhörer gelingt die Musik als Brücke zu anderen Kultur zu betreten, bleibt somit offen und ist eher vom Psychologischen als vom Musikalischen bestimmt.

3.2 Ist das Fremde wirklich fremd ?- Vom Verlust kultureller Identität zum Selbst

 

Sicher scheint zunächst nur „Musik als Kunst bzw. Kulturgut“ längst ein weltweit verbreiteter gemeinsamer Wert und Zeichen einer globalen Kultur. Mögen die Inhalte des Bühnengeschehens auch fremd sein, die Bühne ist es nicht. So lässt sich hier fragen, ob die der Musik als Kunst dargebrachte Akzeptanz, nicht vielmehr eine gemeinsame Kultur der Kunstwertschätzung über Ländergrenzen hinweg belegt, als dass das Andere/die Differenz in der Kunst zu erfahren gelingt. Anders gesagt: Differenzen überhören ist nicht zuhören. Längst sind fremde Kulturen nicht mehr fremd und die eigene Kultur der Vergangenheit ist einem fremd geworden. Schon immer waren Kulturen mehr oder weniger fremd. Schon immer gab es Einheit in der Vielfalt, genauso wie Vielfalt in der Einheit. Ob wir Differenz oder Gemeinsamkeit erfahren, liegt im Auge des Betrachters verborgen.
Moderne globalisierte Gesellschaften sind heute äußerst heterogen und vielschichtig. Der beschleunigte Wandel wie die Umwälzungen durch Globalisierung führt allerorten zum Verlust von Traditionen und kultureller Identität/Einheit, sie macht Entwurzelung und kulturelle Relativität spürbar. Kulturphilosophen sprechen vom „zerbrochenen Spiegel“, traditionelle Musiker vom Verlorensein im globalen Raum. So müssen wir heute für viele Menschen und ganze Gesellschaften von einem Verlust kultureller Identität ausgehen. In diesen Zeiten ist es für viele Menschen schwer geworden, die Komplexität einer globalen Kultur neurologisch zu integrieren. Reduktion, Selektion, Abgrenzungen, Rückgriff auf Vergangenes, Zugehörigkeit zu Teilgruppen etc. gehören genauso zu Bewältigungsstrategien diese Lebens in der Welt wie die emotionale Verankerung in Musikstilen und kultureller Identität. Die Konstruktion einer kultureller Identität durch den einzelnen oder auch Gruppen ist dabei selektiv von Interessen geleitet und realisiert in Leben und Denken immer nur Ausschnitte aus einem Meer an Möglichkeiten der Geschichten, der Herkunft und der kulturellen Identität.
Die zentrale These des deutschen Musikrates greift auf psychologisches Wissen zurück. Nur eine starkes und gesundes Selbstbewusstsein, kann in den Dialog mit dem Anderen treten ohne seine Schattenseiten zu projizieren, ohne die Angst sich selbst zu verlieren, ohne sich durch Andersartigkeit fundamental in Frage gestellt zu werden. Dies ist sicherlich richtig. Richtig ist auch, dass eine Stärkung seiner kulturellen Identität die Identität des Einzelnen stärkt. In Zeiten in denen kulturelle Identität nicht mehr eindeutig ist, ist es aber fraglich, welche Identität es denn zu stärken gilt. Längst leben wir im Zwischeneinander der Kulturen.
Konkret deutlich wird dies z.B. in der Forderung nach einem qualifizierten und breit angelegten Angebot musikalischer Bildung, dass die Musik anderer Ethnien einschließt, und die Schaffung eines interkulturellen Musikunterrichtes etc. forciert. Sicher ist, dass eine musikalische Bildung, in welcher verschiedenste Melodien, verschiedene Rhythmen, verschiedenen Weltanschauungen zum tragen kommen, sich günstig auf die Musikalität des Kindes auswirken. Aber fördert es wirklich ein Bewusstsein der eigenen kulturellen Identität oder schafft es mit den musikalischen Repräsentationen nicht vielmehr eine neue interkulturelle Identität, welche trotz subjektiver oder normativer Vorlieben andere Musik-Lebensstile akzeptiert und emotional versteht? Diese interkulturelle Identität könnte die integrative Kraft besitzen, heutige kulturelle Differenzen zu lösen, wäre aber sicherlich nicht mehr in der Lage, außerhalb von Sprache bzw. musikalisch in ihrer kulturellen Herkunftsgeschichte zu wurzeln.
Als wesentliche Grundpfeiler im Dialog der Kulturen gelten Selbstbewusstsein, Offenheit und Neugier. Doch sind Selbstbewusstsein, Offenheit und Neugier immer mehr oder weniger vorhanden. Im von Ideologien, Interessen, Vorstellungen und starken Gefühlen geleiteten Verhalten von Menschen geht gerade diese Bewusstseinsdimension schnell verloren. (vgl COAL S. 36) Der deutsche Musikrat sieht so nicht ohne Grund die größten Chancen für Offenheit und Neugier bei Kindern als am größten an. Akzeptanz, Offenheit, Neugier und Selbstbewusstsein sind auch die Grundpfeiler dafür, dass die Rezeption von Musik zur Einfühlung und zum emotionalen Verstehen einer Musikkultur werden kann. Identität und Selbstbewusstsein aber sind nicht deckungsgleich. Wesentliche Teile bewusster wie unbewusster Identität verhindern oft gerade wirkliche Offenheit. Der Begriff des Selbst hingegen ist aus psychologischer Sicht semantisch offen und treibt auf den Ozean der Einheit hinaus. So enthält er sehr viele Impulse für ein Selbstbewusstsein jenseits von
Identität.

 

3.3 Musik als Weg in die Gemeinsamkeit

 

Aus unserer Sicht ist ein wirklicher Dialog durch verstehenden Nachvollzug möglich. Kulturgüter wie etwa Musikkompositionen und Dichtung bilden durch ihre große Stabilität und ihre hohe synthetische Kraft dafür ein geeignetes Medium. Offenheit und Akzeptanz für Fremdes setzt Vertrauen und Sicherheit voraus. Konzertsäle und Bühnen bieten einen sicheren Rahmen, sich dem Fremden zu öffnen und mit ihm zu identifizieren. Im emotionalen Nachvollzug wird ein Verstehen seiner selbst, genauso möglich wie eine Einfühlung in das Andere. Das vermeintlich Andere birgt und repräsentiert letztlich nur andere Möglichkeiten ein und des selben Mensch-Seins. Informationen über den Kontext sind für den Zuschauer ein erster Schritt, die Musik in ihrem Sinnkontext und ihrer Lebenspraxis nachzuvollziehen. Mit wachsender Vertrautheit wird es auch möglich, sich fremd zu werden, praktische Erfahrungen im eigenen musikalischen Spiel und singen fremder Melodien zu machen. Denn die Methode des Verstehender Nachvollzug beinhaltet Wahrnehmung und praktische Nachahmung, erst dann wird es möglich kulturelle Schätze zu heben oder vergessenen Ressourcen in das eigene Leben zu integrieren und zwar unabhängig davon, ob man kulturfremd oder Angehöriger der Kultur ist. Musik spiegelt die Kultur eines Volkes wieder, sowie seine Mentalität und seine Psyche. Also lohnt es sich die Mühe zu machen, um eine fremde Kultur kennenzulernen.
Auch der türkisch-muslimischer Geistiger und Prädiger Gülen denkt positiv über die Musik und sagt:“ Musik ist ein Weg, eine Kunst und eine Notwendigkeit. Musik hören liegt in der Natur des Menschen, so wie auch die Eigenschaften Gier, Ehrgeiz, Lust, Neid usw. zum Menschsein gehören. Musikhören ist was Schönes. Das schlechte daran ist, dass der Mensch um seinen Egowillen versucht, diese Eigenschaften in die falschen Fährten lenkt. Mit seinem guten Willen könnte er mit diesen Eigenschaften eine positive Richtung steuern, um gute Dinge auf die Welt zu setzen.“ (Eine Übersetzung aus dem Auszug „Musiki üzerine düşünceler“ Fethullah Gülen 16.01.2012)
Dieser Gedanke käme für viele traditionellen muslimischen Geistigen oder Prädigern extraoridinär vor und die Rolle der Musik innerhalb der muslimischen Community noch nicht genug geschätzt.

Fortsetzung folgt

Freitag, 29. Juni 2012

Gülen: Warum er bei den türkischstämmigen Muslimen beliebt ist

 

Die nach dem muslimischen Intellektuellen und Prediger Fethullah Gülen benannte Gülen-Bewegung ist bei vielen Migranten mit türkischem Migrationshintergrund sehr beliebt. Insbesondere die Bildungs- und Dialogaktivitäten stoßen auf große Zustimmung. Das hat seine Gründe. In diesem Artikel möchte ich anhand einiger Aspekte darstellen, warum das so ist.

1. Die türkischstämmigen Muslime in Deutschland befürworten und lieben die hiesige Demokratie und wollen einen Islam, der für die Vereinbarkeit von Islam und Demokratie ist. Denn die Freiheiten, die die Muslime in diesem Land genießen sind für sie sehr wertvoll. Mit seinen Artikeln zur Vereinbarkeit von Islam und Demokratie und seinen Aussagen zur Trennung von Staat und Religion, die er bereits in den 90er Jahre verfasste, also als noch niemand in der muslimischen Welt davon sprach, versuchte Gülen deutlich zu machen, dass der Islam kein bestimmtes Staatsverständnis vertritt. In der Demokratie sieht er ein System, das auch nach religiösen Quellen unbedenklich ist und von dem es kein Zurück gibt. Gleichzeitig sehen immer mehr Muslime mit türkischem Migrationshintergrund Deutschland als ihre Heimat. Sie wollen sich hier für diese Gesellschaft engagieren und sich für gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt stark machen. Gülen legt den Menschen nahe, das Land in dem sie leben zu lieben. Genau deshalb sind seine Ansichten für türkischstämmige in Deutschland wertvoll.

2. Das Leben in Deutschland ist intensiv von Begegnungen mit dem Anderen geprägt. Im Kindergarten, in der Schule, an der Universität, im Berufsleben und vor allem aber auch in der Nachbarschaft hat man Freunde und Bekannte, die Christen, Juden, Atheisten, Buddhisten und Agnostiker sind. Fethullah Gülen spricht sich dafür aus, den gegenüber so zu lieben, wie er ist und ihn in seiner Lebensphilosophie voll und ganz zu respektieren. Gülen unterstreicht Toleranz und Liebe gegenüber allen Geschöpfen als Lehre des Islam. Ein Islamverständnis, dass nicht auf Abgrenzung und Mission ausgelegt ist, sondern auf Inklusion und Toleranz kommt bei den Muslimen hierzulande sehr gut an. Hier ist Gülen auf einer Linie mit den Sufi-Meistern Yunus Emre und Mevlana, die weltweit für ein Philosophie der Versöhnung bekannt sind.

3. Für in Deutschland aufgewachsene türkischstämmige Muslime spielte die kurdische und auch die türkische Identität sowie auch die Zugehörigkeit zur sunnitischen oder alevitischen Konfession zunächst keine Rolle. Sie waren Menschen aus der Türkei, die das gleiche Schicksal teilten. Viele Kurden und Türken sind daher eng befreundet. Mischehen sind absolute Normalität. Fethullah Gülen unterstreicht in seinen Aussagen, dass Terror nicht mit Waffen besiegt werden kann. Nur durch Versöhnung, Liebe und Dialog könne man einen wahren Frieden erreichen. Genau aus diesem Grund greifen viele türkischstämmige diese Ideen auf und setzen sich für den kurdisch-türkischen und auch für den sunnitisch-alevitischen Dialog ein.

4. Ein gesellschaftlicher Aufstieg ist nur durch Bildung möglich. Dabei sollte man Bildung nicht nur als Schulbildung, sondern auch als Bildung im weitesten Sinne verstehen. Denn Unwissenheit und Vorurteile gegenüber dem Anderen sind die vielleicht wichtigsten Quellen unserer gesellschaftlichen Probleme. Der Einsatz für Bildung, den Gülen den Muslimen nahelegt, macht ihn im Umfeld der türkischstämmigen sehr beliebt.

5. Muslimische Frauen wollen die Gleichstellung von Mann und Frau. Auch wenn in vielen Debatten über die Frau im Islam und das Kopftuch diskutiert wird, belegen Statistiken, dass gerade die Mädchen und Frauen oft erfolgreicher und besser integriert sind. Die Muslimas wollen kein Leben Zuhause am Herd, sondern wollen studieren und wollen Karriere machen. Sie wollen die Gleichstellung von Mann und Frau im Islam, die Gülen formuliert. Ein Islam, wie ihn Gülen interpretiert kommt da genau richtig.
Für viele der in Deutschland aufgewachsenen Muslime mit türkischem Migrationshintergrund sind all diese Aspekte in ihrem Alltag von großer Bedeutung. Auch wenn der kulturell gelebte Islam ihrer Eltern oft anderer Meinung ist, bietet sich ihnen so die Möglichkeit, Tradition mit Moderne in Verbindung zu bringen. Ein Islamverständnis, das provoziert, isoliert und die Mehrheitsgesellschaft beleidigt schadet der gesamten Gesellschaft und dem friedlichen Zusammenleben. Gülen verdeutlicht in seinen Schriften wie die Muslime in ihrem Alltag ein pragmatisches Islamverständnis leben können. Er motiviert sie dazu fleißig zu sein, sich zu engagieren und sich für Dialog und Bildung einzusetzen. Das ist das Islamverständnis, das wir in Deutschland brauchen.

Ercan Karakoyun

Mittwoch, 13. Juni 2012

Die Rolle der Musik im Interkulturellen Dialog-I


In Teilen der Gesellschaft ist in den letzten Jahren das Bewusstsein um die Wichtigkeit des interkultureller Dialogs gewachsen. In Theorie und Praxis des Dialogs gibt es jedoch auch Grundannahmen, begriffliche Unschärfen und Schattenseiten, welche einer größeren Effektivität gelebten Dialogs und Integration im Wege stehen. Mögliche Beispiele sind nicht nur Begrifflichkeiten wie „Teufelskreis der Abschottung von Teilkulturen“ und „Leitkultur“, sondern auch ein im Zentrum der Reflexion stehender unscharfer Dialogbegriff. Reflexion und Modelle des interkulturellen Dialogs sind noch nicht gelebte Praxis. Dialog in unserem Sinne meint mehr als Austausch und miteinander reden. Gelebter Dialog führt in die Erfahrung des Anderen und in das Gewahrsein etwas Größeren. Folgen wir Martin Buber so entsteht wirklicher Dialog nur in einer Ich-Du Beziehung, welche die Verdinglichung des anderen Menschen aufhebt und emotionalen Austausch beinhaltet, was nichts anderes bedeutet als dass sie die Grenzen des Ich und der eigenen Identität tranzendiert. Folgen wir den Erfahrungen aus Pädagogik und Interpersoneller Neurobiologie, so sind Grund-Bedingungen der dialogischen Struktur und der Empathie die Nachahmung bzw. die Spiegelfähigkeit des Menschen.

1. Musik zwischen Vertrautheit und Fremdheit

Im interkulturellen Dialog geraten zumeist folgende Funktionen der Musik in den Focus von Reflexion und Praxis:
  • Die Besinnung auf das eigene Kulturgut als Anker oder zur Rekonstruktion der eigenen Identität, sowie zur Repräsentation/ bzw. Erfahrung der eigenen /bzw. fremden Kultur in der Fremde/bzw. Heimat. 
  • Musik als Brücke zu anderen Kulturen
  • Gemeinsames musizieren als Austausch/Begegnung zwischen professionellen oder Laien- Musikern. Musikalischer Dialog als alternatives Medium zur Sprache.
  • Musik mit ihrer Sinnhaftigkeit und emotionalisierenden Wirkung als auflockerndes Rahmenprogramm und Ausgleich zu kognitiv-sprachlichen Teilen des Dialogs
  • Stile musikalischer Fusion als Beispiele für die Möglichkeit der Integration verschiedener Kulturen in der Person des Musikers
Intention und Reflexion der Musik im interkulturellen Dialog sind zumeist von kulturpolitischen und musikpädagogischen Fragestellungen bestimmt. Darüber hinaus gibt es aber auch im Bereich der Ethnotherapien und dem therapeutischen Einsatz von Musik/Instrumenten anderer Kulturen bzw. der musiktherapeutischen Arbeit mit Menschen mit Migrationshintergrund weit reichende Erfahrungen, welche in der öffentlichen Reflexion kaum Berücksichtigung finden. Dabei äußern sich gerade Musiktherapeuten sehr konkret und aus der Erfahrung zu Fragen der musikalischen Empathie und dem Dialogischen Spiels mit Musik. Grundlage des musikalischen Dialogs ist in der Musiktherapie meist die Methode der freien Improvisation. Interessant ist dabei z.B. die Darstellung der freien Improvisation/bzw. der Kunst als kulturübergreifende Methode von Roeske: „Frei improvisierte Musik ohne festen Bezug zu überlieferten Rhythmus-, Melodie- oder Harmoniestrukturen kommt in keiner musikalischen Kultur vor, die bestimmten ethnischen oder geographischen Gruppierungen zuzuordnen wäre. Freie Improvisation als Kunstform existiert nur im „Free Jazz“ oder der neueren modernen Klassik.“ (Plahl/Koch-Temming 2005/S.302)
Bevor wir uns aber einem so komplexen und vielschichtigen Thema wie „Die Rolle der Musik im Interkulturellen Dialog“ zuwenden wollen, scheint es uns ratsam, uns der Musik als Phänomen zwischen Vertrautheit und Fremdheit, wie auch Annahme und Ablehnung zu vergewissern.

1.1 Musik als sozial-historisches Phänomen

„Neben kulturübergreifenden musikalischen Gemeinsamkeiten, die sich noch heute in vielen Gesellschaften finden lassen, haben sich im Laufe der menschlichen Zivilisation zahlreiche Musikkulturen mit unterschiedlichen Musikpraktiken und Musikstilen entwickelt……Die unterschiedlichen kulturellen Ausprägungen von Musik sind von Menschen erfundene, sozial akzeptierte Klangmuster, die durch gemeinsame Handlungen entstanden sind (Blacking 1995). Erst durch den sozialen und kulturellen Kontext kann Musik ihre jeweilige Bedeutung erhalten und erst durch das verstehende Zuhören eines Menschen kann aus einem Geräusch oder einem Klang Musik werden.“ (zitiert nach Plahl/Koch -Temming 2005)
Musik gilt uns als vom sozial-historischen Kontext abhängiges Phänomen und kann in ihrer Gesamtheit nur von Menschen aus dem sozial-historischen Milieu verstanden und gelebt werden, indem die Musik aktuell lebt. Die Begegnung und die Rezeption mit musikalischen Ausdruckformen anderer Kulturen, aber auch Teil- und Subkulturen der eigenen Kultur (z.B. Jugendkultur / künstlerische Avantgarde) ist so oft in erheblichen Maße von Miss-verständnissen, Unverständnis oder gar Ablehnung geprägt.

1.2 Musik als allgemein menschliches Phänomen

Wenn aber die Musik des Anderen in diesem Sinne nicht zu verstehen ist, was sind dann die Voraussetzungen für die beobachtbare konstruktive Rolle der Musik im interkulturellen Dialog. Zu diesen Fragen gibt es verschiedene Zugangsweisen., die wir später weiter diskutieren wollen, beschränken wir uns zunächst auf die Vorsprachlichkeit der Sprache.
Evolutionsgeschichtlich haben die Menschen vermutlich Klänge, rhythmische Laute, Gesänge und Tänze zur Kommunikation genutzt bevor sie über Sprache verfügten. Während sich Sprache als Mittel zur differenzierten Verständigung, aufgrund ihrer Eindeutigkeit und höheren Effizienz durchsetzte, behielt die Musik als emotionaler und ästhetischer Ausdruck eine herausragende Bedeutung für die Gemeinschaft und hatte wichtige Funktionen bei Festen, Kulten, Heilritualen und der Arbeit. Musik zeichnete sich dabei vor allen Dingen dadurch aus, dass sie es ermöglichte innere wie äußere Abläufe innerhalb größerer Gruppen zu synchronisieren und einen gemeinsamen und integrativen Erlebnisraum zu schaffen.
Diese „Vorsprachlichkeit“ der Musik und der neurophysiologischen Nähe musikalischer Reizverarbeitung zum emotionalen Zentrum des Gehirns, sowie zu noch ältern Schichten des Gehirns, welche Körperprozesse steuern (wodurch körperliche Wirkungen der Musik erklärt werden können) bildet sicherlich eine Basis für eine kulturübergreifende Erfahrung und Empfindung des Menschen. (vgl.S.25 Plahl/Koch-Temming 2005) Dies kommt konkret vielleicht am besten am Beispiel der Wiegenlieder auf den Punkt:
„Weltweit und nahe zu in allen Kulturen finden sich in allen Wiegenliedern weiche abfallende Melodieverläufe, ein langsames Tempo, eine relativ einfache Struktur und viele Wiederholungen. Diese Übereinstimmung ist nicht allzu verwunderlich, da Wiegenlieder überall auf der Welt die gleiche Funktion haben, nämlich Babys zu beruhigen. Interessant ist allerdings… dass sich bei allen Menschen, die ein Baby durch sprechen beruhigen, genau dieselben Besonderheiten in ihrer Sprache finden lassen: Die Sprachmelodie hat eine abfallende Kontur, das Sprechtempo ist langsam, die Satzstrukturen sind einfach und bestehen aus vielen Wiederholungen. Selbst in Kulturen mit Tonsprache wie etwa in China, bei denen die Tonhöhe eines Vokals die Bedeutung eines Wortes bestimmt, lassen sich solche sprachmelodischen Bedeutungen finden. Offensichtlich haben die frühen musikalischen Kommunikationsfähigkeiten des Kindes in Verbindung mit den intuitiven elterlichen Kompetenzen einen besonderen Stellenwert in der Evolution des Menschen (Papousek 1991)“ (zitiert nach Plahl/Koch –Temming 2005/S.28)
In musiktherapeutischen empirischen Forschungen finden wir ebenfalls viele Belege für eine kulturunabhängige körperlich mentale Musikwirkung und Empfindung. So ließen sich in der Arbeit mit westdeutschen Angstpatienten von Gutjahr/Güvenc (Güvenc 1989) mit Zen und Türkischer Makkam wesentlich bessere Ergebnisse erzielen als mit Schönebergs atonaler Musik oder vertrauter Rockmusik. Bei weiteren Studien seit 1991 zur Wirksamkeit alt-orientalischer Musiktherapie bei westlichen Menschen ließ sich (neben der körperlich-physiologischen Wirkung) z.B. eine Übereinstimmung der Erfahrung und Benennung von Grundgefühlen durch die Klienten mit den von alten orientalischen Musiktheorien (etwa 12.-14.Jhr) bestimmten musikalischen Modi zugeordneten Gefühlen feststellen(vgl. Touma S.64).
An dieser Stelle müssen wir aber auch reflektieren, dass der Musik keine Wirkung an sich inne ist. Wichtige Voraussetzung und Bedingung für die erfolgreiche Arbeit mit dem Kulturgut anderer Kulturen ist das Interesse des Patienten/bzw. des Hörers an Musik und auch seiner interpretatorische Offenheit, sich einer Erfahrung jenseits von Erwartung, Vorurteilen im positiven Sinne gleichgültig auszusetzen.

Fortsetzung folgt