Powered by

Powered by www.idizem.de | Home | Über uns

Montag, 10. Dezember 2012

Nach seinem Artikel "Tue Gutes und lass es wirken" in der FAZ hat Rainer Hermann nun auch ein ausführliches Interwiev mit der Überschrift "Islam und Moderne stehen nicht im Widerspruch" herausgebracht. Beide Male geht es um den türkischen Gelehrten und Prediger Fethullah Gülen. Lesen können Sie den Artikel hier und das Interwiev hier. Da es ein sehr langes und ausführliches Gespräch ist, wollen wir hier Auszüge, die für Frauen relevant sind, bloggen.

Prediger Fethullah Gülen im F.A.Z.-Gespräch „Islam und Moderne stehen nicht im Widerspruch“

 ·  Fethullah Gülen gilt als der Erneuerer des Islams in der Türkei und als der geistliche Mentor der neuen anatolischen Elite. Für ihn lässt sich einiges im Islam auf Prinzipien der Moderne hin auslegen. 


© Rainer Hermann Der 1938 geborene Fethullah Gülen gilt als einer der einflussreichsten islamischen Denker der Gegenwart.
Im Ausland kennen ihn erst wenige, und doch ist sein Einfluss auf die Entwicklung der Türkei kaum zu überschätzen. Lange bevor Anatolien zu dem wirtschaftlichen Entwicklungsschub der vergangenen Jahre angesetzt hat und auch lange bevor die AKP Erdogans im Jahr 2002 erstmals an die Regierung gewählt worden war, hatte Gülen bereits einen Islam gepredigt und verbreitet, der den Muslimen den Anschluss an die Moderne ermöglichen sollte. Er wurde damit zum Erwecker Anatoliens und zur Stimme jener „schwarzen Türken“, also der Mehrheit der anatolischen Muslime, auf die die urbane Elite des Landes, die „weißen Türken“, lange meist nur mitleidig herabgeblickt hatte. Unter dem Eindruck der Lehren Gülens, der aus der Toleranz des gemäßigten Sufi-Islams schöpft, ist in Anatolien in den vergangenen Jahrzehnten aber eine dynamische Mittelschicht entstanden.
Die Anatolier waren ungebildet und provinziell, arm und fromm. Motiviert durch Gülens Lehren strebten sie nun nach Bildung und wurden wohlhabend, sie blieben aber weiter fromm. Gülen brachte ihnen die Bedeutung von Bildung und unternehmerischem Erfolg nahe, die Vereinbarkeit von Islam, Moderne und Demokratie, aber auch die Unvereinbarkeit von Islam und Gewalt. Er rief seine Anhänger auf, mit eigener Hände Arbeit Wohlstand zu schaffen und nicht zu vergessen, diesen auch unter Bedürftigen verteilen. In seinen Predigten verbindet er in langen Sätzen Suren aus dem Koran, Aussprüche des Propheten und die Erfahrungen der Mystiker mit den Erfordernissen der modernen Welt, er führt die Welt die Glaubens und der Lebenswirklichkeit zusammen.
Gülen wurde 1938 bei Erzurum geboren, und er knüpfte an den Lehren des bekannten Mystikers Nursi Said (1876 bis 1960) an. Der erste türkische Politiker, der regelmäßig seinen Predigten zuhörte, war der Reformer Turgut Özal (1927 bis 1993). Gülen unterhielt auch Kontakte zum Sozialisten Bülent Ecevit (1925 bis 2006). Viele oppositionelle Bewegungen haben den Kemalismus, die Ideologie der „weißen Türken“, herausgefordert. Da Gülen die kemalistische Elite wirkungsvoll in Frage stellte, erklärte sie ihn zum Staatsfeind. Daher ging Gülen 1999 ins Exil und lebt seither in den Vereinigten Staaten, wo er medizinisch behandelt wurde und als „religiöser Gelehrter“ eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten hat.



 ......Wie steht es dann mit dem friedlichen Zusammenleben?
Im Islam gibt es keinen Wert, der ein Hindernis für das friedliche Zusammenleben mit Christen, Juden oder Angehörigen anderer Religionen und Überzeugungen wäre. Im Gegenteil. Es gibt Koranverse, Hadithe, also Aussagen des Propheten, und historische Erfahrungen, die gerade ein gemeinsames Leben ermöglichen sollen. Der ehrenwerte Ali sagte: „Die Muslime sind unsere Geschwister in der Religion, und die Nichtmuslime sind uns in der Schöpfung gleich.“ Dieser Satz des vierten Kalifen in einem Brief an den ägyptischen Gouverneur Malik bringt diese Wahrheit sehr deutlich zum Ausdruck. Wir haben den anderen in dessen Existenz zu akzeptieren. Möglich sein wird das Zusammenleben von Muslimen und Christen nur durch die Einrichtung einer Kultur des Zusammenlebens. Dazu müssen die Grundrechte und Freiheiten für alle verteidigt und geschützt werden. Beide Seiten haben sich gegenseitig zu akzeptieren, in der Situation des anderen, so dass den Provokationen so weit wie möglich kein Publikum geboten wird. Ereignen sich dann solche Dinge, lässt sich zivilisiert auf sie antworten.........

......Wie kommt es, dass der Islam dann so verschieden ausgelegt wird?
Vieles ist offen für eine Auslegung und eine Exegese in der Zeit. Das kann mit den Bedingungen einer Zeit erklärt werden. Wir haben zum einen Grundprinzipien, zum anderen aber Interpretationen in einer Zeit, die auf diesen Grundlagen basieren. [Der mystische türkische Prediger] Bediüzzaman Nursi sagt, die Zeit sei der größte Exeget. Die Anforderungen ändern sich mit der Zeit. Wir nennen diese Auslegung Idschtihad. Wenn heute kein Idschtihad praktiziert wird, dann weil es an Menschen fehlt mit der entsprechenden Kompetenz und Qualifikation. Das Tor zum Idschtihad steht vollkommen offen. Berücksichtigt man die Zeit, die wissenschaftlichen und technologischen Entwicklungen sowie die internationalen Verhältnisse, gibt es viele Gründe, weshalb ein Idschtihad durchgeführt werden muss. Wegen des Idschtihads gab es in der Vergangenheit Abspaltungen. Jemand sagte einmal: „Die Wege zu Gott sind so viele wie der Atem der Geschöpfe.“.............

......Sie rufen also dazu auf, den Anderen zu respektieren, wie er ist?
Uns wurde aufgetragen, jeden Menschen entsprechend seiner Wirklichkeit zu akzeptieren und diesem gegenüber respektvoll zu sein. Erwartet man Respekt, darf man nicht versäumen, auch dem Nächsten Respekt zu erweisen. So muss man sich auch gegenüber Atheisten verhalten. Schließlich ist er ein Mensch, und man muss Menschen umarmen. [Der türkische Mystiker] Mewlana, der vor mehr als sieben Jahrhunderten in Anatolien ein erhabener Meister für Toleranz und Dialog war, hatte gesagt: „Komm, komm, wer Du auch bist, komm, zu welcher Religion du auch gehörst, komm!“ Und er öffnete sein Herz gegenüber jedem. Wenn Ihr euer Herz öffnet und ich euch umarme, dann werden Eure Hände nicht herunterhängen; auch Ihr werdet dann ein Bedürfnis empfinden, mich zu umarmen. Wir brauchen heute diese Haltung. In einer Zeit, in der tödliche Waffen großes Elend bringen, ist es eine wichtige Pflicht, die Wege des Friedens und des innigen Zusammenseins zu erforschen. Hat man Respekt für seinen eigenen Weg, erfordert das nicht, gegenüber der anderen Seite respektlos zu sein. Nicht respektieren darf man aber einige Verhaltensweisen. Das kann Muslime betreffen, Christen, Atheisten, Deisten. Ist der Mensch grausam oder bestialisch, vergießt er Blut, begeht er Unrecht, verzehrt er das Recht der Menschen: Dann zerstört er die hohe Moral. Will der Menschen gegen etwas vorgehen, sollte er es gegen solche negativen Eigenschaften tun. Er sollte versuchen, soweit er dazu imstande ist, diese zu beseitigen, und zwar mit Erziehung, Vermittlung von Bildung und gutem Benehmen, indem man die Wege des Friedens erforscht und Dialog führt.

Sind fundamentale Errungenschaften wie Demokratie, Pluralismus und die Menschenrechte lediglich westliche Erfindungen - oder sind sie universal und können damit auch in islamischen Gesellschaften praktiziert werden? Bei Demokratie, Pluralismus und den Menschenrechte hat es wichtige Fortschritte gegeben. Das sind aber keine Werte, die sich allein in der westlichen Welt und nur in moderner Zeit gezeigt haben. Wir sehen, dass es bei der Entwicklung der Demokratie viele unterschiedliche Anwendungen gegeben hat, dass Verbesserungen durchgeführt wurden, dass überprüft wurde. Der Begriff Demokratie wird mit Wörtern wie sozial, liberal, christlich, direkt, repräsentativ oder parlamentarisch verbunden, obwohl sich diese Eigenschaften teilweise gegenseitig ausschließen. Die Prinzipien, die die Fundamente der Demokratie sind, und die Regierungsform stimmen mit den islamischen Werten überein. Werte und Prinzipien, die der Islam wie auch die Demokratie akzeptieren, sind Beratung, Gerechtigkeit, Religionsfreiheit, der Schutz der Rechte von Individuen und Minderheiten, das Recht eines Volkes zur Wahl seiner Regierung, die Verantwortung der Regierenden für ihre Tätigkeiten und die Unzulässigkeit der Herrschaft einer Minderheit oder Mehrheit über den jeweils anderen. Die allgemeinen Prinzipien des Islam zur Regierungsform sind also kein Hindernis für die Umsetzung der Demokratie. Sie bieten sogar eine geeignete Grundlage dazu......


.....Welche Rolle spielt in Ihrem Denken die Frau?
Frauen können nahezu alle Rollen übernehmen, sie können Richtern und Staatsoberhaupt sein. Zu beachten sind zwar die Natur der Frau und religiöse Empfindlichkeiten. Die Rolle der Frau ist aber nicht auf die Beschäftigung zu Hause und auf das Großziehen der Kinder beschränkt. „Die Frau im Islam“ gehört zu den Themen, die im Westen negativ und am häufigsten behandelt werden. Der Grund ist, dass die Muslime Dinge praktizieren, die den Grundwerten des Islams widersprechen. Einiges, was negativ erscheint, muss man im Zusammenhang mit den Bedingungen der jeweiligen Epochen und Staaten bewerten. Zudem herrschen in einigen Regionen und Gesellschaften weiter Gewohnheiten und Traditionen, die es vor dem Islam gegeben hat und die weitergeführt werden. Das dem Islam anzurechnen, ist nicht richtig. Für die muslimische Religion ist es aber niemals zulässig, die Rolle der Frau in der Gesellschaft und ihren Handlungsspielraum einzuschränken. Die Muslime missachten dies leider. Ein grobes Verständnis und ein plumpes Denken hat damit das System zerstört, welches auf der gegenseitigen Hilfe von Mann und Frau sowie auf das gemeinsame Teilen aufgebaut war. Mit dieser Zerstörung wurden auch der Familienfrieden und die gesellschaftliche Ordnung zerstört.

Sind Mann und Frau gleich?
Auch die die Frau ist eine freie und eigenständige Persönlichkeit. Ihre Weiblichkeit hebt keine der Qualifikationen auf, die sie besitzt, verengt sie auch nicht. Wenn eine ihrer Rechte berührt wird, kann sie, wie die Männer, ihre Rechte einfordern. Besitzt sie, was jemand anderes hält, kann sie es zurückholen. Muslime unterschiedlicher Völker hatten ihren historischen Erfahrungsschatz mit dem Kleid des Islam gekleidet, sie präsentierten ihre Gewohnheiten und Traditionen, als gehörten sie zu den Grundlagen der Religion. In dieser Richtung gab es auch einige theologische Gutachten, Idschtihads. So wurden die Rechte der Frau veräußert, von Tag zu Tag wurde sie in einen immer engeren Bereich gedrängt und sie wurde, ohne zu erfassen, wohin das Ganze hinausläuft, in einigen Gebieten wurde sie sogar ganz aus dem Leben ausgeschlossen. Einen Unterschied der Frau zum Mann gibt es bei keinem der Themen, die die Grundprinzipien des Islams betreffen – etwa bei der Glaubens- und Meinungsfreiheit, den Besitz- und Verbraucherrechte, der Gleichheit vor dem Gesetz, dem Recht auf eine gerechte Behandlung vor dem Gesetz, dem Recht auf Heirat und der Gründing einer Familie, dem Recht auf Intimität und die Unantastbarkeit der Privatsphäre. Wie bei Männern stehen auch ihr Besitz, Leben und ihre Sexualität unter Schutz. Wer das verletzt, dem drohen schwere Strafen.

Welche Stellung sollte die Frau sie in Ihrem Netzwerk haben?
Die in der Bewegung aktiven Frauen üben, indem sie der Menschheit zur Hilfe zu stehen, wichtige Aufgaben aus. Sie schöpfen, wie die Männer, die Möglichkeiten aus, die ihnen zur Verfügung stehen. Sie sind mit ihrer Haltung und ihrem Verhalten ein Vorbild. Entsprechend ihrer Ausbildung und Erfahrungen setzen sie, auch in leitenden Positionen, die ihnen obliegenden Pflichten um, und sie reisen, ist es erforderlich, in alle vier Himmelsrichtungen. Auch wenn wir im Vergleich zu früher enorme Wege zurückgelegt haben, ist die Partizipation der Frauen in der Gesellschaft und in der Bewegung nicht dort, wo wir sein müsste. Sie hat das gewünschte Niveau nicht erreicht...........


.....In Deutschland hört man häufig, dass Türken nicht bereit oder in der Lage seien, sich zu integrieren und Teil der deutschen Gesellschaft zu werden. Was raten Sie bei der Integration? 
Die Integration hätte besser laufen können. Verantwortlich sind die Migranten, aber auch die europäischen Staaten. Die Migranten dachten lange nicht daran, sich in die gastgebende Gesellschaft zu integrieren, weil sie von der Rückkehr in ihre Heimat ausgegangen sind, zu der es nicht kam. Den Preis für diese Passivität haben sie und noch mehr ihre Kinder bezahlt. Aus demselben Grund haben auch die Gastgeberländer zunächst keine Integrationsmaßnahmen ergriffen. Sie waren nicht in der Lage, notwendige und integrationsfördernde Angebote und Möglichkeiten in den Bereichen Bildung, Politik, Gesellschaft, Kultur und Wirtschaft zu schaffen. Ferner haben sich die Herkunftsländer der Migranten nicht rechtzeitig und ausreichend um sie gekümmert. Heute tut sich auf beiden Seiten viel. Die europäischen Staaten haben in den letzten Jahren nachhaltige Integrationsmaßnahmen getroffen, um bestehende Hürden zu beseitigen. Die Migranten haben erkannt, dass sie in ihrem Gastland eine neue Heimat gefunden haben und investieren nun in die Bildung ihrer Kinder und Enkelkinder, bauen sich eine wirtschaftliche Existenz auf und ergreifen die Initiative. In diesem Rahmen leistet die Hizmet-Bewegung durch Bildungseinrichtungen und Sprachkurse einen akademischen, kulturellen und sozialen Beitrag zur Integration. Diese Einrichtungen setzen sich dafür ein, dass die neuen Generationen als teilhabende Bürger einen konstruktiven Beitrag für die Gesellschaft leisten, ohne ihre Herkunftskultur zu leugnen. Ich bin zuversichtlich, dass dieser Perspektivewechsel und die damit verbundenen vielseitigen Integrationsbemühungen positive Früchte tragen....

Man sollte sich die Zeit nehmen, und den ganzen Artikel lesen. Es lohnt sich!

Quelle: Faz - Gespräche: "Islam und Moderne stehen nicht im Widerspruch"


Sonntag, 11. November 2012

Fethullah Gülen: Tue Gutes, und lasse es wirken

Lange wurde der türkische Gelehrte und Prediger Fethullah Gülen und die nach ihm benannte "Gülen-Bewegung" in Deutschland -zumindest medial- kaum beachtet. Nun erschien zu diesem Thema innerhalb kürzester Zeit schon der zweite Beitrag in einem deutschen Leitmedium. Auffällig ist die diametral entgegengesetzte Meinung der beiden Verfasser von "Der Pate" im Spiegel (eine Kritik zum besagten Spiegelartikel finden sie hier) und dem jetzt erschienenen Beitrag von Rainer Hermann in der FAZ vom 10.11. Ob diese Unterschiede wohl daher rühren, dass der letztgenannte Verfasser im Gegensatz zum Spiegel-Autor auch MIT statt nur ÜBER Gülen geredet hat?
Ein Beitrag von Rainer Hermann, FAZ

Kein Schild weist auf die Abzweigung und den schmalen Feldweg hin. Er führt durch nebligen und herbstlich gefärbten Laubwald zu einem Anwesen mit acht Häusern. An diesen einsamen Ort zog sich vor 13 Jahren Fethullah Gülen zurück, der einflussreichste Prediger des türkischen Islams. Das Militär, damals noch mächtig, hatte ihn aus der Türkei vertrieben. Von Krankheiten geplagt, ließ er sich in amerikanischen Krankenhäusern operieren. Seither hat er das Anwesen kaum verlassen. Die Vereinigten Staaten gaben ihm Visum und Aufenthaltsrecht. Doch auch aus der Ferne blieb der 74 Jahre alte Gülen in der Heimat ein mächtiger Mann. Sein Einfluss war es, der aus den anatolischen Muslimen eine dynamische Mittelschicht schuf. Gülen ist die Stimme dieser „schwarzen Türken“.

22093120
© Rainer Hermann Der verehrte Lehrer: Fethullah Gülen signiert eines seiner Bücher für seine Gäste in seinem Haus in Pennsylvania

Die „weißen Türken“, das sind die Anhänger Kemal Atatürks, die Anhänger des Kemalismus, die Ideologie der urbanen, gebildeten und säkularisierten Oberschicht Istanbuls, später auch Ankaras. Sie herrschte über die Türkei und blickte mit Verachtung auf die Anatolier herab, die ungebildet waren, provinziell, arm und fromm. Motiviert durch Gülens Lehren, strebten nun viele nach Bildung und wurden wohlhabend, blieben aber weiter fromm. Da Gülen die kemalistische Elite wirkungsvoll in Frage stellte, erklärte sie ihn zum Staatsfeind. Seine Rückkehr würde Gräben aufreißen. Deshalb bleibt der konfliktscheue Gülen in Sailorsburg in Pennsylvania.

Seine Botschaft hören Millionen

Ein wenig erinnert das 5,5 Hektar große Anwesen an Gülens Heimat. Er wurde 1938 nahe Erzurum geboren, weit hinten im Osten Anatoliens. Es ist eine wilde Gegend. Manchmal werden Braunbären gesichtet, bald wird sich der Schnee türmen wie in den Wintern von Erzurum. Als türkische Unternehmer, die sich in der Stiftung „Goldene Generation“ zusammengefunden hatten, das Stück Land 1993 für 175.000 Dollar kauften, standen in den Wäldern nur ein paar Blockhütten. Dann ließ die Stiftung acht Steinhäuser bauen und einen Park anlegen. Und sie lud Gülen 1999 ein, sich hier niederzulassen.

Unten, am tiefer gelegenen See, spielen Kinder der Besucher Fußball. Zur Mittagszeit treffen sie sich alle in der Waldlichtung in einem Kösk, einem Gartenpavillon der Art, in dem auch Osmanen im Grünen tafelten. Auf dem Speisezettel steht traditionelle türkische Küche: Linsensuppe, in Olivenöl eingelegtes Gemüse, Köftefrikadellen mit Reis, Tee in kleinen geschwungenen Gläsern. Gülen kann den Weg zum Gartenhaus nicht mehr gehen. Nach zahlreichen Bypass-Operationen bereiten ihm nun die Knie Schwierigkeiten. Er verlässt das Haus nur noch selten, meistens nur, um sich in einem nahe gelegenen Krankenhaus untersuchen und behandeln zu lassen. Gülen führt ein abgeschiedenes Leben. Seine Botschaft aber hören Millionen.

Ein Aufzug fährt in den ersten Stock des Hauses, das innen an ein schlicht-elegantes osmanisches Wohnhaus erinnert und mit einem Minimum an Möbeln auskommt. In diesem Stockwerk wohnt und wirkt der Hocaefendi („der verehrte Lehrer“), wie ihn seine Anhänger ehrfürchtig nennen. Selten gibt er Interviews, ständig umgeben ihn aber sein türkischer Leibarzt und ein paar Vertraute. Am Vormittag hat er, wie jeden Tag, ein Dutzend junger Theologen unterrichtet, die er in privaten Studien, die zwei Jahre dauern, zu seinen Schülern ausbildet. Zweimal in der Woche zeichnen sie eine Predigt auf, stellen sie ins Netz (www.herkul.org), so dass Fernsehstationen sie aufgreifen können.

Das Interview ist für die Zeit nach dem islamischen Mittagsgebet vereinbart. Dann empfängt Gülen Gäste. Von ihnen will er wissen, was sich draußen in der Welt tut, immer wieder hakt er nach. Danach wird er wieder lesen, schreiben und beten. Legendär ist, mit wie wenig Schlaf er auskommt. Jeder Tag ist minutiös durchstrukturiert. Seinen Anhängern predigt er, die verfügbare Zeit gut zu nutzen, und er hält sich selbst daran, ohne in Hektik zu verfallen. Seine Anhänger sagen, er vereine Demut mit Charisma. An der Wand hinter ihm tickt leise eine Uhr. Sie wird nie auf Sommerzeit umgestellt. Die Zeit sei immer gleich, sagt Gülen.

Unvereinbarkeit von Islam und Gewalt

Schwungvolle Kalligraphien schmücken die Wände. Sie passen sehr gut zu der Art und Weise, wie Gülen spricht. Er spricht nicht das nüchterne moderne Türkisch. Ihn hätten auch die Osmanen verstanden. Heute ist es selbst für Türken eine Herausforderung, ihm zu folgen. In langen Sätzen verknüpft er Suren aus dem Koran, Aussprüche des Propheten und die Erfahrungen der Mystiker mit den Erfordernissen der modernen Welt, führt die Welt des Glaubens und der Lebenswirklichkeit zusammen. Er erklärt die Bedeutung von Bildung und unternehmerischem Erfolg, die Vereinbarkeit von Islam, Moderne und Demokratie, auch die Unvereinbarkeit von Islam und Gewalt. Seine Anhänger sollen mit eigener Hände Arbeit Wohlstand schaffen und nicht vergessen, diesen Wohlstand auch unter Bedürftigen zu verteilen.

Der amerikanische Bundesstaat Pennsylvania hat schon immer religiöse Menschen angezogen, die abgeschieden von den pulsierenden Städten ihren Glauben leben wollten. Die frühen Einwanderer, die sich auf den fruchtbaren Böden Pennsylvanias niederließen, waren fromme Leute. Wer von Philadelphia Richtung Westen nach Sailorsburg aufbricht, fährt durch Quakertown und Emmaus. Abzweigungen weisen nach Hamburg und Lebanon, auch nach New Tripoli. Der Weg nach Sailorsburg führt durch Bethlehem und Nazareth.

Mehr als 1000 Privatschulen gegründet

Nur ein paar Autostunden trennen Sailorsburg von Manhattan. Und doch liegen Welten dazwischen. Gülen aber ist überall. Alp Aslandogan blickt vom Fenster seines Büros im sechsten Stockwerk in die steinerne Häuserschlucht der 5th Avenue. 1991 war er aus der Türkei nach New York gekommen, um in Computerwissenschaft zu promovieren; noch heute lehrt er an einer Universität. Daneben arbeitete er viele Stunden ehrenamtlich „für Hizmet“, wie Gülens Anhänger ihre Bewegung nennen, die in Deutschland auch als Gülen-Bewegung bekannt ist. Unternehmer, die Gülen nahestehen, haben in 130 Ländern mehr als tausend Privatschulen gegründet, auch in Deutschland und den Vereinigten Staaten. Aslandogan hatte bereits 1993 als Student die kleine „Milchstraßenstiftung“ gegründet, um Kindern türkischer Einwanderer am Wochenende zu helfen, in der Schule erfolgreich zu sein. 1999 wurde die Stiftung eine private Schule.

„Wir wollten weder die dominante Kultur kopieren noch uns ihr verweigern. So wollten wir unsere Herkunft bewahren“, sagt Aslandogan. „Wir wollten den Eltern helfen, die amerikanische Kultur zu verstehen, und den Kindern, die Werte ihrer Eltern zu bewahren, aber auch produktive Bürger dieses Landes zu werden.“ In zwei Jahrzehnten ist in New York aus solchen Aktivitäten ein weitverzweigtes Netz vielfältiger gesellschaftlicher Aktivitäten entstanden. Beispiele sind in Manhattan das „Turkish Cultural Center“ und das „Peace Islands Institute“.

Das Kulturzentrum organisiert englische und türkische Sprachkurse, bereitet Kinder auf Prüfungen vor, hilft den Erwachsenen, sich als Wähler zu registrieren und als Selbständige erfolgreich zu sein; in Israel forstete es nach einem großen Waldbrand einen Wald auf, in Haiti baute es nach dem Erdbeben eine neue Schule. Als Dialogplattform wurde nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 das „Pacific Islands Institute“ ins Leben gerufen. Dort sprechen amerikanische Politiker und ausländische Botschafter, Rabbis und buddhistische Mönche, muslimische Familien laden nichtmuslimische Familien ein.

Einen Steinwurf vom Weißen Haus entfernt

Die Kulturzentrum und das Pacific Islands Institute sind nur zwei der 218 zivilgesellschaftlichen Vereinigungen, die in den Vereinigten Staaten Gülen nahestehen und sich im Mai 2010 im Dachverband „Turkic American Alliance“ zusammengeschlossen haben. Seinen Sitz hat er in Washington, D.C., zwischen dem Capitol Hill und den Studios von CNN. Wie in den New Yorker Büros ist auch hier der Personenkult um Atatürk verschwunden, an den Wänden hängt kein Relief des ewig lächelnden Gründers der Republik. Wie wichtig der Dachverband bereits ist, zeigte sich, als sich bei seinem letzten Galaabend sieben Senatoren und 53 Abgeordnete die Ehre gegeben haben. Zum Dachverband gehört auch „Rethink“, die einzige private türkische Denkfabrik in den Vereinigten Staaten. Der 38 Jahre alte Politologe Fevzi Bilgin, ein ehemaliger Professor an der University of Pittsburgh, versorgt den amerikanischen Politikbetrieb von hier aus mit Studien zu aktuellen Themen der Türkei und des Nahen Ostens.

Noch eine kräftige Spur Gülens im amerikanischen Leben ist Emre Celik, ein Australier türkischer Herkunft und Computeringenieur. Auch er hatte vor zwei Jahrzehnten in Sydney, zunächst in Garagen, türkischen Jugendlichen in den Fächern Mathematik, Physik und Chemie auf die Sprünge geholfen. Heute leitet er einen Steinwurf vom Weißen Haus entfernt das nach einem türkischen Mystiker benannte „Rumi Forum“. In seinem Vorstand sitzen Juden und säkulare Amerikaner; seine Mittagessen, bei denen meist prominente Politiker oder Diplomaten sprechen, werden von vier Fernsehstationen direkt übertragen.

Celik versteht sich als „Mainstream-Muslim“. Diesen Islam will er in der pluralistischen Gesellschaft Amerikas stärken. In Australien hatte ihn zunächst Saidi Nursi (1876 bis 1960) in den Bann gezogen, der spirituelle Mentor Gülens. Nursi habe in den Islam Fragen des Zweifels eingeführt, sagt Celik, er habe gelehrt, in der westlichen Zivilisation das Gute zu sehen und zu übernehmen, habe dazu aufgefordert, die drei Grundübel Armut, Spaltung und Unwissenheit zu überwinden. „Was Nursi theoretisch formuliert hat, setzt Gülen heute in die Praxis um.“ Als entscheidenden Beitrag Gülens sieht Celik dessen Konzept der Gottgefälligkeit. „Damit veranlasst Gülen die Menschen, in dieser Welt zu handeln, um sich für das Jenseits Verdienste zu erwerben.“

Heimlicher Kardinal in Diensten des Papstes

Von zwei Seiten werde die „Hizmet-Bewegung“ angegriffen, sagt Gülen. Die einen setzten die Aktivitäten von „Hizmet“ mit „Islamismus“ gleich; ihnen wirft er Ignoranz vor. Bei den anderen schüttelt er nur den Kopf. Sie unterstellten ihm „Verrat am Islam, Knechtschaft zu den Vereinigten Staaten und Israel sowie Propaganda für das Christentum und Judentum“. Ein türkischer Staatsanwalt bezeichnete ihn einmal sogar als heimlichen Kardinal in Diensten des Papstes. Der häufigste Vorwurf der Kritiker aber lautet, die Bewegung ziehe heimlich eine islamistische Elite heran, die einen Umsturz vorbereite, etwa in der Türkei; sie sei intransparent und wie ein Geheimbund organisiert.

Solche Kritiker suchen in der Tat Organisationsstrukturen, die es nicht gibt. Der mystische Sufiislam, in dessen Tradition Gülen steht, kennt keine Hierarchie, und als in der Türkei die Generäle noch das Sagen hatten, wäre es zudem gefährlich gewesen, sich erkennbare Strukturen zu geben. „Mein Leben und meine Werke stehen jedem offen“, sagt Gülen. „Nichts ist verborgen.“ Die Aktivitäten von „Hizmet“ fänden in aller Öffentlichkeit statt, mit Menschen aus allen Bereichen des Lebens, aus allen Nationen und Religionen. Sie seien durch die staatlichen Behörden genehmigt, und diese kontrollierten sie auch. „Ich würde gerne wissen, was daran intransparent ist.“

Über Bildung und Schulen laufe der Weg, damit ein Mensch einen konstruktiven Beitrag zu seiner Familie, der Gesellschaft und der Menschheit leiste, sagt er. „Außerdem bin ich überzeugt, dass wir als Geschöpfe Gottes nur durch eine weltliche und spirituelle Bildung zur vollen individuellen Reife gelangen.“ Ein Leben lang hat Gülen diese Ideen gepredigt, rief zum Bau von Schulen auf. Gebaut werden sie von Unternehmern, die sich von Gülen inspiriert fühlen. Er selbst ist an keiner von ihnen Gründungs- oder Vorstandsmitglied.

Dass immer wieder das Stichwort „Unternehmer“ auftaucht, hat nicht nur mit Geld zu tun. Gülen predigt seinen Anhängern, als Unternehmer erfolgreich zu sein. Mit Erfolg. Auf Gülen beruft sich ein großer türkischer Unternehmerverband, der Aufschwung Anatoliens ist mit seinem Namen verknüpft. „Ich habe immer dazu aufgerufen, einen aufrichtigen Unternehmergeist zu haben“, sagt Gülen. Den Unternehmern rate er zu einem bedachten Risiko, er ermutige sie zu investieren und im Ausland zu expandieren. „Stets erinnere ich sie auch an ihre soziale und gesellschaftliche Verantwortung.“ Und er hält einen Ethos des ehrlichen Kaufmanns für sie bereit: sich von Betrug, Spekulationen und Schwarzmarkthandel fernzuhalten, für Vertrauen und Sicherheit zu stehen, die Gaben Gottes nicht verschwenderisch auszukosten, nicht habgierig zu sein, die Rechte der Arbeiter zu respektieren, nicht zu vergessen, dass die Gesellschaft, in der sie lebten, ebenfalls einen Anteil an ihren Gewinnen habe, und im Bewusstsein zu leben, dass letztendlich alles von Gott komme.

Stipendien in Höhe von vier Millionen Dollar

Tevfik Emre Aksoy ist einer dieser Unternehmer, die nach Gülens Konzept der Gottgefälligkeit handeln. Als Bauunternehmer brachte er es im New Yorker Stadtteil Brooklyn zu Wohlstand. Erfolgreiche Selbständige wie er spenden einen erheblichen Teil ihres Einkommens an die Organisationen der „Hizmet-Bewegung“. Sie finanzieren sie damit. Mit vier anderen Selbständigen sitzt er im Vorstand der Amity School von Brooklyn. Die Schulgebühren decken einen Teil des laufenden Haushalts, den Rest und vor allem die laufenden Investitionen übernehmen Spender wie Aksoy.

In das Tagesgeschäft des Schuldirektors Cengiz Karabekmez greift der Wohltäter nicht ein. Dreihundert Schüler besuchen die 1999 gegründete Schule, hundert leben im angeschlossenen Internat. Sie stammen aus 17 Nationen und fünf Glaubensgemeinschafen, viele aber mit Wurzeln in der Türkei. Die Schule wirbt damit, dass seit Jahren alle Absolventen einen Studienplatz bekommen. Die besten gehen nach Harvard, Columbia und Yale. „Die fünfundzwanzig Absolventen des letzten Jahrgangs haben Stipendien in Höhe von vier Millionen Dollar eingesammelt“, sagt Karabekmez stolz. 

Schwerpunkt Naturwissenschaften

Schwerpunkt ist, wie in allen "Gülen-Schulen“, die Vermittlung der Naturwissenschaften. „Einen Glauben drängen wir nicht auf“, sagt Karabekmez. „Wir sind ja keine religiöse Schule.“ Das Schulfach „Charaktererziehung“ vermittle universale Werte wie Respekt, Nächstenliebe und Arbeitsethik. Die meisten der 36 Lehrer sind amerikanische Staatsbürger. Sprachprobleme? Gewiss, manche Eltern sprächen nur wenig Englisch, sagt eine Lehrerin. „Die Gemeinschaft in der Schule sorgt aber dafür, dass schon in der ersten Klasse jeder gut Englisch spricht.“

Der Englischlehrer Adamir kennt Deutschland und die Vereinigten Staaten - nur wer Gülen ist, weiß er nicht. Adamirs Eltern waren mit den Kindern vor dem Krieg auf dem Balkan zunächst nach Deutschland geflohen, vor zwölf Jahren ließen sie sich in New York nieder. Auch den Namen „Hizmet-Bewegung“ hat er nie gehört. Die Amity-Schule ist für ihn die richtige, weil er hier als Lehrer mehr Mitsprachemöglichkeiten hat als an anderen Schulen. Gottgefälligkeit drängt sich nicht auf. „Gott liebt jeden Menschen“, sagt Aksoy, der Unternehmer und Spender. „Besonders liebt Gott aber die guten Taten eines Menschen.“

Quelle: FAZ

Montag, 29. Oktober 2012

Der scheinbare Gegensatz zwischen Islam und Moderne

 

 

Prof. Dr. Nilüfer Göle:

„Der Westen muss die Bedeutung des Werts der Meinungsfreiheit, der sich in der Debatte als ein Teil der westlichen Hegemonialmacht zeigt, neu überdenken“, meint die Soziologin Prof. Dr. Nilüfer Göle.

Ist die Beleidigung religiöser Werte von der Meinungsfreiheit gedeckt? Warum können Teile der muslimischen Gemeinschaft eine offensichtliche Provokation nicht als solche erkennen? Die international angesehene Soziologin Nilüfer Göle analysiert die Probleme in jenem Bereich, in dem der Westen und der Islam unterschiedliche Vorstellungen aufweisen.

Der anti-islamische Film über das Leben des Propheten Mohammed und die Ermordung des US-Botschafters in Libyen haben die Problematik der wechselseitigen Wahrnehmungsdifferenzen zwischen dem Westen und der muslimischen Welt einmal mehr in den Mittelpunkt der öffentlichen Debatte rücken lassen.

Diese zwei Ereignisse stehen weder sinnbildlich für den Westen noch für die Muslime, sagt Prof. Dr. Göle. Ihrer Meinung nach hat die Globalisierung nur die krankhafte Dimension der Beziehung zwischen dem Westen und der muslimischen Welt offen gelegt. Sie ist der Meinung, dass die Meinungsfreiheit durch den Westen als „symbolische Form der Gewaltanwendung“ gezielt für einen Frontalangriff auf die religiösen Werte instrumentalisiert wird.

„Der Westen muss die Bedeutung des Werts der Meinungsfreiheit, der sich in der Debatte als ein Teil der westlichen Hegemonialmacht zeigt, neu überdenken“, meint Dr. Göle.

Das sei nicht leicht, da die Voraussetzungen der Meinungsfreiheit heutzutage eine Erosion erlitten hätten, sagt sie. Göle habe erkannt, dass, solange die Muslime ihre Religion in Europa praktizieren, sie bewusst oder unbewusst einige Grenzen überschreiten und der Westen mit Rechtsmitteln versuche, die Sichtbarkeit der Muslime in der Öffentlichkeit zu begrenzen. Der Gegensatz zwischen Islam und Moderne verflüchtige sich. Die geographischen und zeitlichen Grenzen heben sich auf. Uğur Kömeçoğlu von „Zaman“ sprach mit Göle:

Sie haben während der 90er-Jahre über den Islam in der Türkei geforscht. Ruft der Vergleich des Konfliktes zwischen Säkularismus und Religion in Europa mit dem in der Türkei vor 20 Jahren in Ihnen ein Déjà-vu hervor?

Wenn man das, was in Europa um den Islam herum geschieht, aus der Sicht der Türkei beobachtet, kann man dies sicherlich mit einem Déjà-vu oder mit einem bereits zuvor gesehenen Film vergleichen. Die Diskussionen in der Türkei rund um die Begriffe „Kopftuch“, „Säkularismus“ und „Republik“ sind nicht weit entfernt von denen, die in Frankreich stattfinden. Vor allem fällt die sich ähnelnde Terminologie auf. Es entsteht jedoch durch den „europäischen Islam“ ein anderer Sachverhalt. Die religiöse Praxis der europäischen Muslime zeigt viele europäische Züge. Die Muslime in der Türkei erscheinen dagegen ziemlich homogen.

Trotz der komplizierten Säkularisierung und der aktuellen Debatten ist das Praktizieren des Islam in der Türkei eine Normalität. In Europa kommen allerdings Debatten zu Tage, die in der Türkei als undenkbar erscheinen. Die Minarette der Moscheen, die „Halal“-Frage und sogar die Beschneidungsdebatte sind einige Beispiele hierfür. Im Gegensatz zu den anderen Religionen und Praktiken, die in Europa ihren Weg gefunden haben, hat der Islam noch keinen Platz im öffentlichen Leben und in den Traditionen Europas. Parallel zu der Tatsache, dass sich die Muslime in Europa einleben und einrichten, etabliert sich auch der Islam auf diesem Kontinent.

Wie wirkt sich der Identitätswandel auf die Gesellschaft aus?

Die Verknüpfung von Nationalität und Religion wird schwächer. Für die junge Generation verschwindet sie sogar weitgehend. Und es entsteht aus vielfältigen ethnischen und kulturellen Wurzeln eine neue Minderheit. Dabei gewinnt der Islam als verbindendes Element der Identität an Bedeutung. Kurz gesagt sind das soziale Klima, das Umfeld und die Organisationsformen als Glaubensgemeinschaft in Europa ganz andere als die in der Heimat.

Marokkanische, algerische, türkische und pakistanische Muslime, die aus verschiedenen Kulturen kommen, leben in Europa Tür an Tür. So können sie voneinander die unterschiedlichen Praktiken des Betens und der kulturellen Gewohnheiten entdecken. Der Besuch der gleichen Moschee, die Frage, in welcher Sprache die Predigt gehalten werden soll, Heiratsangelegenheiten und vieles andere werden zu Tagesthemen im Leben der europäischen Muslime. Sie leben den kosmopolitischen Islam, indem sie ihre „kleinen“ Unterschiede voneinander entdecken. Als Resultat entstehen Fragen, die nur den europäischen Islam und die europäischen Muslime betreffen. Der „Islam aus dem Mittleren Osten“ verliert langsam seinen Einfluss über die Muslime. Somit entstehen neue muslimische Wissenschaftler, Denker, Theologen und neue Fatwa-Zentren.

Viele gehen von zwei antagonistischen Identitäten aus: der Islam auf der einen, die Moderne auf der anderen Seite. Sie vertreten die These, dass sich diese beiden Identitätsblöcke auf der Mikro-Macht-Ebene treffen und sich verändern. Dieser Prozess ist sehr nervenaufreibend und führt auf beiden Seiten zu Energieverlust. Welchen Nutzen bringt diese Auseinandersetzung für beide Seiten?

Wenn wir uns die Auseinandersetzungen zwischen dem Islam und Europa ansehen, müssen wir zunächst versuchen, in das subjektive Leben der Muslime hineinzuschauen, deren Fragen zum Leben und die Spannungen in ihrer inneren Welt zu verstehen. Die Auseinandersetzung zwischen Islam und Europa findet ihre Antwort im individuellen Alltag der Muslime.

Der Übergang vom Säkularen zum Religiösen und umgekehrt ist ein Teil des täglichen Lebens der Muslime. Wir dürfen den Islam nicht als eine undurchsichtige Kategorie behandeln. Die Muslime in Europa versuchen, ihre Religion und ihren Glauben in einer Umwelt zu praktizieren, wo die Bequemlichkeit der traditionellen Rituale nicht existiert. Wir sprechen von einem Islam, der weniger traditionsbelastet ist, dafür umso bewusster gelebt wird, und der sich vor einer nichtmuslimischen Mehrheitsgesellschaft behaupten und verteidigen muss. Je mehr die praktizierenden Muslime sich in Europa einleben, umso stärker werden sie von der Öffentlichkeit als religiöse Gruppe wahrgenommen. Ihre religiösen und kulturellen Besonderheiten zeigen die Muslime durch bewusste und unbewusste Überschreitungen und Verletzungen von sozialen Grenzen.

Sie zeigen sich mit religiösen Symbolen in säkularen Lebensbereichen. Von vielen Nichtmuslimen wird das als Herausforderung, teilweise als Provokation wahrgenommen. In diesem neuen Kontext gewinnen die religiösen Symbole und Praktiken eine neue Bedeutung. Die europäischen Regierungen versuchen mit neuen Gesetzen und Verboten gegen diese - als Grenzüberschreitung gesehene - religiöse Praxis im öffentlichen Raum vorzugehen. Die Folge ist, dass das Potenzial für Diskussionen, für das wechselseitige Kennenlernen und für die Erarbeitung gemeinsamer Lösungen – und das sind alles wichtige Voraussetzungen für einen Demokratisierungsprozess – eingeschränkt wird.
Die bekannte türkische Soziologin Prof. Dr. Nilüfer Göle unterrichtet an der Pariser Fakultät für Soziale Wissenschaften und der Bosporus Universität und beschäftigt sich unter anderem mit den Formen und Folgen gesellschaftlicher Modernisierung.