Soziologin: „Gülen-Bewegung muss Rolle der Frau neu definieren“
Die amerikanische Soziologin Helen Rose Ebaugh hält die Gülen-Bewegung für eine ungefährliche Bewegung. Die Bewegung habe sich auf die Förderung von Bildung festgelegt - ohne versteckte islamistische Agenda. Allerdings müssten die Gülen-Anhänger den Frauen mehr Sichtbarkeit in der Bewegung geben.
In ihren soziologischen Studien stützt sie sich auf zahlreiche
Einzel- und Gruppengespräche mit Unternehmern, Angestellten und
Arbeitern aus der Türkei und Houston, Texas. Dort blüht die Bewegung
besonders auf: 26 Gülen-inspirierter Schulen wurden in den vergangenen
Jahren aus dem Boden gestampft. In den Vereinigten Staaten gibt es
mittlerweile 65 sogenannte „Harmony“-Schulen (im Irak eröffnete kürzlich
eine der Bewegung nahestehende Schule – mehr hier).
Die Schulen sind – wie überall auf der Welt – auch für Nicht-Muslime
sehr begehrt, denn sie bieten, wie Ebaugh bestätigt,
„Top-Unterrichts-Qualität vor allem in den Fächern Mathematik und
Naturwissenschaften“.
„Die Stärke der Bewegung liegt daran, dass sie nicht hierarchisch
ausgelegt ist, sondern aus losen Netzwerken besteht“, so Ebaugh. Durch
die lokale Unabhängigkeit werde die Bewegung auch Fethullah Gülen selbst
überleben, glaubt sie. Doch außer dieser Tatsache und, dass die
Bewegung türkische Wurzeln habe und dem Islam entspringe, unterscheide
sie sich nicht von anderen religiösen Bewegungen, die sich auch dem
„Dienst am Menschen“ verschrieben haben. Daher glaubt Ebaugh, dass die
Bewegung auch in Zukunft „vor allem in türkischen Milieus stark sein
wird“.
Helen Rose Ebaugh war erstmals nach den Ereignissen vom 11. September
2001 durch ein Inserat in der Washington Post auf Gülen aufmerksam
geworden. In dem Inserat hatte Gülen als erster muslimischer
Repräsentant die Anschläge auf das World Trade Center in scharfen Worten
verurteilt. Ebaugh erinnert sich noch an die „regelrechte Hetzjagd auf
Muslime nach dem 11. September“: „Jeder war prinzipiell verdächtig,
viele trauten sich kaum mehr aus dem Haus.“ Daher war es nur
folgerichtig, dass im Westen die Suche nach einer „moderaten islamischen
Bewegung“ begann. In diesem Zusammenhang begann sich die amerikanische
Öffentlichkeit für den bis dahin eher unbekannten Prediger aus der
Türkei zu interessieren.
Ebaugh kennt die Vorwürfe, die Gülens Gegner gegen die Bewegung
vortragen. So habe auch „prinzipiell Verständnis für die Ängste“.
Allerdings: „Wir haben mit zahlreichen Gülen-Kritikern in der Türkei
gesprochen. Ich habe zu allen gesagt: Geben Sie mir Daten, geben Sie mir
Fakten. Ich habe nichts bekommen.“ Etliche der Kritiker hätten sogar
eingeräumt, dass sie gar niemand aus der Bewegung kennen.
Auch den Verdacht, die Gülen-Leute unterwanderten systematisch die
AKP, sei nicht durch harte Fakten belegt. Ebaugh: „Bei einer solch
großen Bewegung ist es nur normal, dass es auch Mitglieder gibt, die in
der AKP eine Rolle spielen. Eine systematische, gar strategische
Unterwanderung kann ich nicht erkennen.“
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